Wegen Handydaten beinahe Kollege erstickt

PROZESS ⋅ Vor dem Kreisgericht Werdenberg-Sarganserland hat sich heute ein Eritreer zu verantworten. Dem 28-Jährigen wird vorgeworfen, er habe einen Kollegen töten wollen, im Streit um die Adresse seiner Freundin.
30. August 2017, 06:49
Reinhold Meier

Auslöser für den schweren Vorfall in einer Asylunterkunft war offenbar eine blosse Vermutung. Denn der jetzt Angeklagte argwöhnte, einer seiner Mitbewohner habe telefonisch und mittels sozialer Medien Kontakt zu seiner Freundin aufgenommen. Deswegen war es schon zwei Tage vor der Tat zu einem Streit gekommen. Dieser konnte aber offenbar durch eine gemeinsame Aussprache zunächst beigelegt werden. Auch die besagte Freundin verneinte mögliche Kontakte. Dies teilte der Angeklagte unter entschuldigenden Worten dem späteren Opfer auch kurz vor der Tat nochmals mit, offenbar ruhig und ohne grössere Erregung. Die Angelegenheit schien damit bereinigt gewesen zu sein. Umso überraschender trat der Mann kurz darauf wieder ins Zimmer des Opfers und forderte es plötzlich ultimativ auf, Handy und Sperrcode rauszurücken. Er wolle überprüfen, ob die Kontaktdaten wirklich gelöscht seien, forderte er. Als das Opfer sich weigerte, habe der Angeklagte zugeschlagen, zunächst mit dem Ellbogen ins Gesicht und aufs Ohr, schliesslich weiter ins Gesicht, bis das Opfer zu Boden ging.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Beschuldigten weiter vor, er habe sodann ein Kopfkissen genommen und es dem auf dem Boden Liegenden ins Gesicht gedrückt, um ihn zu ersticken. Das hat der Mann bisher bestritten. Er besteht vielmehr darauf, er habe dem Opfer nur seinen linken Fuss auf den Hals gesetzt und sein Gewicht dann auf eben diesen Fuss verlagert. Ob so oder so – Tatsache sei, so die Anklage weiter, dass dem Opfer die Luftzufuhr abgeschnitten wurde und es wegen des Sauerstoffmangels bewusstlos wurde.

Erst als das Opfer nach dem Erstickungsversuch in Ohnmacht gefallen und nicht mehr ansprechbar war, riefen Mitbewohner eine Nachbarin um Hilfe, die schliesslich ihrerseits die Notrufzentrale alarmierte. Rettungskräfte fanden den Mann immer noch ohne Bewusstsein und nur flach atmend vor. Erst im Spital kam er wieder zu sich. Es dauerte dann zwei weitere Tage, bis er erstmals von der Polizei vernommen werden konnte.

Es drohen Gefängnis und Landesverweis

Durch den Erstickungsversuch habe der Beschuldigte sein Opfer in Lebensgefahr gebracht, betont die Anklage. Darum sei er der versuchten vorsätzlichen Tötung schuldig zu sprechen. Sie fordert dafür viereinhalb Jahre Freiheitsstrafe. Damit bleibt sie nur knapp unter dem Mindestmass von fünf Jahren, das für eine tatsächlich vollzogene Tötung auszusprechen wäre. Auch im Blick auf den obligatorischen Landesverweis geht sie deutlich über das gesetzliche Minimum von fünf Jahren hinaus und fordert stattdessen 15 Jahre. Der bisher als vorläufig aufgenommen geltende ehemalige Asylbewerber dürfte damit seine Zukunft in der Schweiz verspielt haben. Das Urteil wird für heute erwartet.

 

Reinhold Meier

ostschweiz@tagblatt.ch


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