Warum tragen sie freiwillig Kopftuch?

RELIGIONEN ⋅ Wie leben Ostschweizer Muslime im Alltag? Was halten sie vom geschlechtergemischten Schwimmunterricht? Welche Probleme haben Muslimas bei der Stellensuche? Ein Abend in der Moschee von Oberuzwil.
07. April 2018, 05:18
Nina Rudnicki

Nina Rudnicki

ostschweiz@tagblatt.ch

 

In einem unscheinbaren Wohnviertel am Rand von Oberuzwil liegt die Moschee, durch die sich Fredy Fässler führen lässt. Der Besuch des St. Galler SP-Regierungspräsidenten im Rahmen seiner Erkundungstour «Was macht das Fremde mit mir?» durch den Kanton fällt in eine unruhige Zeit. Es ist Mittwochabend, der Tag vor der Entscheidung des Wiler Stadtparlaments zum Einbürgerungsgesuch des Wiler Imams Bekim Alimi. Das Thema zieht sich durch den ganzen Abend. Auch der Umstrittene selbst sitzt im Publikum, äussert sich zu seinem Einbürgerungsverfahren aber nicht. «Trotz der heftigen Diskussionen, die gerade stattfinden, freue ich mich heute hier zu sein», begrüsst Fässler die rund 60 Anwesenden. Gekommen sind vor allem Moscheemitglieder und Vertreter islamischer Organisationen, aber auch ein paar Anwohner und Interessierte.

Für Diskussionen sorgt aktuell allerdings nicht nur der Fall Alimi. Auf kantonaler Ebene musste sich die Regierung kürzlich von ihrem Vorhaben verabschieden, den Islam anzuerkennen. Alle Parteien hatten sich aus den unterschiedlichsten Gründen gegen diese Anerkennung ausgesprochen. Die Anerkennung hätte zwar nur symbolischen Charakter gehabt – den einen ging dies zu weit, die anderen fanden eine rein symbolische Anerkennung hingegen sinnlos oder sogar diskriminierend. Auch national sorgte der Kanton St. Gallen mit seinem Verhüllungsverbot und mit dem Referendum dagegen für Schlagzeilen. «Das Thema Islam poppt hier gerade überall auf», sagt Fässler. Sein Besuch habe mit diesen Entwicklungen aber nichts zu tun, betont er. Die Besuchsreihe «Was macht das Fremde mit mir?» wurde bereits zu Beginn seines Präsidialjahres geplant. An diesem Abend sollte es um die Frage gehen, wie sich Muslimas und Muslime in der Schweiz fühlen und mit welchen Vorurteilen sie täglich konfrontiert werden. Im Kanton St. Gallen leben eine halbe Million Menschen. Sieben Prozent ­davon gehören dem Islam an. «Dennoch haben viele St. Galler Berührungsängste und wissen nicht, wie sie mit dem Fremden umgehen sollen», sagt Fässler.

In einem unscheinbaren Wohnviertel am Rand von Oberuzwil liegt die Moschee, durch die sich Fredy Fässler führen lässt. Der Besuch des St.Galler SP-Regierungspräsidenten ist im Rahmen seiner Erkundungstour «Was macht das Fremde mit mir?» organisiert worden. (Bilder: Michel Canonica)

Medial aufgepeitschte Islam-Debatt

Zu jenen, die «fremd» wirken, gehören auch Hicret Osma, Biotechnologin und Mitglied der Moschee Oberuzwil, und Lejla Medii, Juristin und Vizepräsidentin des Dachverbands islamischer Gemeinden der Ostschweiz und des Fürstentums Liechtenstein (Digo). Beide Frauen tragen Kopftuch. Lejla Medii ist in Mazedonien in einer Familie aufgewachsen, in der nicht alle Frauen ein Kopftuch tragen. Sie selbst beschloss mit 17 Jahren, ein Kopftuch zu tragen. Damals kam sie mit ihrer Familie in die Schweiz. Für sie sei es der geeignete Zeitpunkt gewesen, zum Kopftuch zu wechseln. In Mazedonien hingegen wäre ihr das schwergefallen, da alle ihre Freunde sie dort ohne Kopftuch kannten. «Für mich bedeutet das Kopftuch, das Praktizieren meines Glaubens vollenden zu können. Es war mein Entscheid», sagt Lejla Medii. «Wer Frauen unterstellt, sie würden das Kopftuch nicht aus freien Stücken tragen, der unterstellt ihnen auch, nicht denken zu können.» Hicret Osma hingegen wuchs in einer Familie auf, in der alle Frauen ein Kopftuch tragen. Als sie mit neun Jahren in die Schweiz zog, trug sie es ebenfalls bereits. «Das war normal für mich. Ich bekam allerdings erst im späteren Alter eine Verbindung zum Kopftuch und erkannte dessen Bedeutung», sagt sie. Für das Kopftuch gab sie auch ihren Traum auf, nach der Matura Lehrerin zu werden. Sie entschied sich stattdessen für die Biotechnologie, weil das Kopftuch im Labor keine Rolle spiele. «Heute würde ich es allerdings anders machen. Ich glaube, ich würde mittlerweile trotz Kopftuch eine Stelle als Lehrerin finden. Die Stimmung hat sich gewandelt.»

Die Schweiz als toleranter werdende Gesellschaft, deren Vorurteile gegenüber dem Islam abnehmen – und gleichzeitig eine medial aufgepeitschte Islam-Debatte, die mit dem Alltag der Muslime aber nicht übereinstimmt: Das ist das Bild, das den Besucherinnen und Besuchern in der Moschee Oberuzwil im Verlauf dieses Abends vermittelt wird. Davon zeigt sich auch Fredy Fässler überrascht. «Ich hatte eher den Eindruck, dass die Islam-Debatte zunimmt», sagt er und hakt nach: «Wie oft werden Sie denn auf Ihr Kopftuch angesprochen? Und wie verhält es sich bei der Stellensuche?» Auf das Kopftuch angesprochen werde sie im Alltag selten, sagt Hicret Osma. Und Lejla Medii ergänzt: «Bei der Abstimmung im Wiler Stadtparlament über Bekim Alimi wird sich zeigen, wie die Stimmung wirklich ist.» Sie sollte recht behalten: Am nächsten Tag hiess das Parlament Alimis Einbürgerung mit 26 gegen 10 Stimmen deutlich gut.

Und wie ist es bei der Stellensuche? In der Privatwirtschaft sei ein Kopftuch meist kein Problem, sagt Lejla Medii. Die staatlichen Institutionen hinkten aber hinterher. So sei ihre Bewerbung für ein Praktikum bei der Staatsanwaltschaft wegen ihres Kopftuchs gescheitert. Eine Muslima im Publikum will von Fässler wissen, wie er sich dafür einsetzen werde, dass in staatlichen Einrichtungen und in der Verwaltung künftig auch mehr Frauen mit Kopftuch einen Job bekommen. Fässler zeigt sich diesem Szenario gegenüber offen. Er verweist aber darauf, dass es sich dabei um einen langjährigen Prozess handle, in dem genau wie bei der Frauenquote vor allem die Vorgesetzten sensibilisiert werden müssten.

An diesem Punkt stellt sich die Frage: Sollen in einem säkularen Staat Personen mit äusseren religiösen Merkmalen an öffentlichen Positionen und Orten wie an Schaltern oder als Lehrpersonen arbeiten dürfen? Diesen Aspekt greift ein Mann im Publikum auf. Von Hicret Osma möchte er wissen, wie sie trotz ihres Kopftuchs einen wertfreien Unterricht hätte garantieren können, wenn sie Lehrerin geworden wäre. «Das ist doch ganz klar. Ich hätte als Englischlehrerin mit meinen Schülern über Shakespeare diskutiert und nicht über meinen persönlichen Glauben. So wie es jede andere Lehrperson auch tut», sagt sie. Eine andere Person aus dem Publikum fragt, wie sie es mit dem geschlechtergemischten Unterricht halte: «Dürfen Mädchen und Buben zusammen schwimmen oder ins Klassenlager?» – Hicret Osma und Lejla Medii bejahen beide.

«Wieso müssen Türken Arabisch lernen?»

Aus Glarus nach Oberuzwil angereist ist auch Önder Günes, Vizepräsident der Schweizerischen Islamischen Gemeinschaft (SIG). In SIG-Moscheen, zu denen auch jene in Oberuzwil gehört, treffen sich vor allem türkisch orientierte Muslime. Günes übernimmt an diesem Abend die Führung durch die Moscheeräume. Der Rundgang soll aufzeigen, dass in der Moschee nicht nur gebetet wird. Vielmehr ist sie ein Vereinslokal, in dem auch gegessen, gesungen und diskutiert wird. Die Moschee zählt rund 90 Mitglieder. Der Gebetsraum für die Männer und ein angrenzender Aufenthaltsraum befinden sich im Erdgeschoss. Im Obergeschoss untergebracht sind der Gebetsraum für Frauen, die Schulungsräume für Koranlese- und Arabischunterricht, weitere Aufenthaltsräume sowie Zimmer für die Kinderbetreuung. In einigen Räumen hängen an den Wänden Plakate, die die islamischen Kleider- und Reinigungsvorschriften sowie die Gebetsabläufe erklären. Die Zimmer wirken unspektakulär – es gibt kaum mehr als einige Sofas und Bänke – und die meisten Besucher werfen nur einen kurzen Blick hinein. «Wieso müssen Türken Arabisch lernen?», möchte ein Besucher wissen. Arabisch lerne, wer den Koran in der Originalsprache lesen und verstehen wolle, sagt Günes.

Am Ende der Veranstaltung zeigt sich Günes zufrieden. Er setzt sich für einen moderaten Islam in Verbindung mit muslimischen Traditionen ein. «Solche Zusammenkünfte wie heute helfen, Vorurteile abzubauen, die auf beiden Seiten bestehen», sagt er. «Es sind nicht nur die Schweizer, die gegenüber dem Islam Vorurteile haben. Es gibt genauso Muslime, die das Gefühl haben, nicht willkommen zu sein. Obwohl das gar nicht stimmt.» Am meisten überrascht habe ihn, wie viele interessierte Personen gekommen seien. «Es ist ein gutes Zeichen, dass eine Diskussion stattfindet. Gerade jetzt, wo die Stimmung am Brodeln ist wegen des Burkaverbots, der gescheiterten kantonalen Anerkennung und Bekim Alimi.» Letzterer meldet sich am Ende des Abend doch noch zu Wort. Zum Publikum gewandt sagt Alimi: «Glauben Sie, dass wir mit unseren Jugendlichen keine normalen Probleme haben wie alle anderen Familien in der Schweiz auch? Glauben Sie wirklich, dass unsere einzigen Probleme die Radikalisierung und der Terrorismus sind?»


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