"Gibt es einen Lawinenabgang auf die Piste, bin ich schuld"

PISTENPATROUILLEUR AM FLUMSERBERG ⋅ Dieses Jahr hat er schon doppelt so viele Lawinen sprengen müssen als sonst. René Schlegel ist als Pisten- und Rettungschef am Flumserberg für die Sicherheit der Schneesportler verantwortlich.
09. Februar 2018, 17:33
Sina Bühler

Sina Bühler

ostschweiz@tagblatt.ch

Noch ist der Himmel bedeckt, der Walensee tief unten im Tal bleibt unsichtbar. Wer Schnee liebt und frei hat, zieht dennoch in die Berge. Und so mieten Tagesausflügler Schliessfächer, Skilagerklassen besammeln sich, Pensionäre steigen in die Gondel. Durch den Seiteneingang kommt ein Pistenpatrouilleur im schwarz-orangen Anzug. Zehn von ihnen sind an diesem Freitag im Skigebiet Flumserberg im Einsatz, sichern Pisten, bergen Verletzte, überwachen den Snow Park, leisten Dienst in den Sanitätszimmern. Es gibt Tage, an denen sie 15-mal ausrücken müssen – heute werden sie nicht viel zu tun haben. Nur ein einziges Mal wird die Ambulanz gerufen. Ein kleiner Einsatz, den René Schlegel deshalb nur per Funk mitbekommt. Der braungebrannte Mann mit den eisblauen Augen und dem grauen Bart ist verantwortlich für den Pisten- und Rettungsdienst Flumserberg und trotzdem den ganzen Tag unterwegs. Kaum aus der Gondel gestiegen, in die Bindung geklickt, kurvt der 53-Jährige schon den Berg herunter. Drei- bis viermal hält er am Pistenrand, steckt hier einen Pfosten ein, kickt dort einen Schneebrocken von der Piste.

(Sina Bühler)

Ein wichtiger Teil seiner Arbeit macht das Abwägen, Beobachten und Berechnen der Lawinensituation aus. René Schlegel schaut auf die Schneebeschaffenheit, Verfrachtungen, Spontanabgänge und berät sich mit seinem Team. Beim Entscheid, ob er sprengen muss, verlässt er sich nicht nur auf die Meldungen des Lawineninstituts in Davos. "Liegt die Lawinengefahr bei 3, also erheblich, schiessen wir meistens das ganze Programm durch. "  Das ganze Programm, das sind bis zu 20 Sprengungen. Überall dort, wo die Piste gefährdet ist, wird der Schnee präventiv heruntergeholt, sei die Fläche noch so klein. Dieses Jahr haben sie im Dezember und Januar so viel gesprengt wie in den vergangenen zwei Saisons zusammen. "Die Explosion sollte nach Möglichkeit über dem Schnee erfolgen, dadurch wirkt die Kraft auf die Schneedecke, und eine künstliche Lawinenauslösung ist am wahrscheinlichsten", erklärt Schlegel.

Die Lawinensprengung am Pizol ist nicht ganz ungefährlich. Wir haben den Pisten- und Rettungschef Paul Moser begleitet. (Bilder: Michel Canonica)

Seilbähnchen für die Sprengstoffpakete

Um den Sprengstoff nicht überall von Hand deponieren zu müssen, hat er im Gebiet einige kürzere und längere Seilbahnen installiert, an die er die Pakete mit den zwei Kilo Sprengstoff anhängen kann. Bevor er den Benzinmotor startet, zündet er die Lunte. Dann hat er mindestens 90 Sekunden Zeit, bis sie explodieren. Die Sprengseilbahnen könnte man auch fertig kaufen, René Schlegel hat sie selbst gebaut: "Wozu hätte ich sonst Maschinenmechaniker gelernt?" Eine Lehre musste sein, entschieden die Eltern. Er ist froh darüber. Doch nach dem Lehrabschluss bekam er, der am Flumserberg auf einem Bauernhof aufgewachsen ist, eine Arbeitsstelle bei den Bergbahnen. Zuerst als Pistenmaschinenfahrer, dann als Pistenpatrouilleur. 33 Jahre ist das her. Anfangs verbrachte er die Sommer noch auf einer Alp, dann besuchte er die Seilbahnfachschule, wurde technischer Leiter bei den Prodkammbahnen. Seit der Fusion der Prodkamm- und Maschgenkammbahnen zu den Bergbahnen Flumserberg 2002 ist Schlegel Pisten- und Rettungschef und das ganze Jahr bei den Bergbahnen angestellt. Dazu hat er die Ausbildung zum Pisten und Rettungsfachmann absolviert, lernte Rettungs- und Lawinenkunde. Im Sommer kümmert er sich um den Unterhalt der Spielplätze, Wanderwege, Strassen und Gelände, um die Bike- und Bergrettung.

Jetzt, im Winter, schaut Schlegel fast stündlich auf die Wetterentwicklung, vergleicht die Prognosen seiner Apps, entscheidet ob und wann die Pisten ­präpariert werden müssen: "Schneit es nicht, beginnen die Fahrer nach der letzten Pistenkontrolle um 17 Uhr und präparieren die Pisten bis 1 oder 2 Uhr morgens. Fällt viel Neuschnee, bringt das nichts – dann beginnen sie erst morgens um 5 Uhr mit der Arbeit." Er wird das gegen Abend zusammen mit dem Chef der Pistenfahrer organisieren, bevor er nach Hause fährt. Doch auch dann ist der Arbeitstag noch nicht vorbei – alle paar Nächte übernimmt er den Pikett-dienst. Schlegel ist ständig unter Strom. Mit Grund, denn eine Aussage fällt öfters an diesem Tag: Wie froh er darüber ist, noch nie der Fahrlässigkeit beschuldigt worden zu sein. Es ist kein Stolz, mehr Erleichterung. Weil er weiss, dass nichts hundertprozentig sicher ist, ganz unabhängig davon, wie sehr er und sein Team sich bemühen: "Gibt es einen Lawinenabgang auf eine Piste, bin ich schuld." Es gibt selbst dann eine Untersuchung, wenn Variantenfahrer abseits der gesicherten Gebiete verunfallen. Die Staatsanwaltschaft kontrolliert dann, ob angemessen beschildert, abgesperrt und gewarnt wurde. Befragt wurde Schlegel auch schon, grobe Fehler sind ihm aber zum Glück noch keine passiert.
 

Die Rücksichtslosigkeit der Variantenfahrer

Jetzt liegt ein junger Mann regungslos auf der Piste. René Schlegel hält an, hat die Situation in Sekunden erfasst. "Chum, ufstoh!", sagt er. Der Mann meint auf englisch, er könne schon fahren, er habe nur kurz die Kontrolle verloren. Schlegel hilft ihm auf, und der junge Mann fährt weiter, nichts tut ihm weh. "Früher schaute man nach einem Sturz peinlich berührt, ob irgendwer das gesehen hat. Heute wird geschaut, wer schuld sein könnte." Die zehn FIS-Regeln des Internationalen Skiverbands, die festlegen, wie man sich auf der Piste zu verhalten hat, beachte kaum noch jemand.

Bei der Rettung merke er, dass die Schmerzempfindlichkeit extrem angestiegen sei. Und der Egoismus. Was aber viel schwerer wiege, sei die Rücksichtslosigkeit mancher Variantenfahrer. Wie vor zwei Wochen, als gegen Abend abseits der Piste ein Schneebrett ausgelöst wurde. Den Skifahrern passierte nichts – das Problem war, dass sie es dem Pistendienst nicht meldeten: "Als wir den Abgang bemerkten, haben wir sofort die Rettung eingeleitet. Wir sahen ja, dass jemand hineingefahren war." Drei Stunden lang waren die Pistenrettung, die Rega, die Polizei und die Lawinenhunde auf der Suche." Und fanden nichts. Der Einsatz hätte mit einer Meldung, die weder etwas kostet, noch eine Schuldzuweisung ist, vermieden werden können.

Es gibt Vorfälle, die ihm bleiben. Die Geschichte vom Mann, der unter ein Schneebrett kam und tagelang nicht gefunden wurde. Vom Familienvater, der auf der steilen Piste so schwer stürzte, dass er sofort tot war. Vom Tourenleiter, der eine Gruppe über einen Hang führte, dabei eine Lawine auslöste und 45 Minuten lang nicht merkte, dass einer seiner Schützlinge fehlte. "Als wir den Verschütteten 15 Minuten nach der Meldung orten und ausgraben konnten, lag er unter 15 Zentimeter Schnee." Er hätte wohl eine Chance zum Überleben gehabt. "Es gibt immer wieder Unfälle, die in Erinnerung bleiben. Vor allem wenn Kinder oder Bekannte beteiligt sind."

Es ist 16 Uhr. Letzte Bergfahrt auf der Leistbahn und Pistenkontrolle. Die Sonne ist hinter dem Sächsmoor am Verschwinden, als Schlegel dort zur Probesprengung ansetzt. Er hängt den Sprengstoff an das Seil, der Motor surrt. Ein Funkspruch an seinen Kollegen, noch 30 Sekunden ist es still, dann ein Knall. Wenig Schnee rieselt über die Felsen. Für den nächsten Tag ist die Piste sicher.


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