Vorarlberger Chefredaktor: Der Flirt mit der Schweiz ist nur Koketterie

ANSCHLUSS ⋅ Vor 100 Jahren wurde der Weg für eine Abstimmung geebnet, die im Anschluss Vorarlbergs an die Schweiz münden sollte. Seither haben sich die Nachbarn ennet dem Rhein immer wieder für einen Landeswechsel ausgesprochen - der Flirt bedeutet aber nichts ernsthaftes.
07. Februar 2018, 16:39
Johannes Wey
Das Abstimmungsresultat war an Deutlichkeit kaum zu überbieten: Über 80 Prozent der Vorarlberger wollten 1919 den Anschluss an die Schweiz. Doch der Bundesrat zeigte diesem "Heiratsantrag" die kalte Schulter und ging nicht auf das Begehren der Vorarlberger ein.

Obwohl sie nicht erwidert wurde, blieb die Liebe auf der anderen Seite des Rheins bestehen: 2008 waren noch immer die Hälfte der Vorarlberger dafür, der 27. Schweizer Kanton zu werden, wie eine Umfrage des ORF zeigte. Und 2010 zeigte eine Umfrage der "Weltwoche", dass 52 Prozent der Stimmberechtigten in Vorarlberg einen Anschluss an die Schweiz befürworten würden (Artikel online nicht verfügbar).

Das Liebäugeln mit der Schweiz scheint irgendwie verständlich. Schliesslich liegt die österreichische Hauptstadt Wien mit 510 Kilometer mehr als dreimal so weit weg von der Vorarlberger Landeshauptstadt Bregenz wie Bern - und damit fast so weit, wie Paris.
 

Bloss vorarlbergische Koketterie

Diese Umfrageergebnisse will Gerold Riedmann, Chefredaktor und Geschäftsführer der Vorarlberger Nachrichten, nicht für bare Münze nehmen - auch wenn sich auf seinem Portal "Vol.at" ebenfalls eine Mehrheit für den Wechsel ausspricht . Das gehört für Riedmann zur Koketterie der Vorarlberger: "Man grenzt sich vom übrigen Österreich ab und hat einen starken Abwehrreflex gegen alles Wienerische."

Ein Beispiel dafür ist die Fussachaffäre: In der Gleichnamigen Gemeinde am Bodensee sollte 1964 ein Schiff der Bundesbahnen nach dem ehemaligen Bundespräsidenten Karl Renner benannt werden - die Landesregierung hatte hingegen den Namen "Vorarlberg" vorgeschlagen. Zur Fremdbestimmung kam hinzu, dass man just diesem Politiker vorwarf, sich nach der Abstimmung 1919 nicht stark genug für den Anschluss Vorarlbergs an die Schweiz engagiert zu haben. Die Taufe wurde schliesslich von einer aufgebrachten Menge von rund 20'000 Demonstranten verhindert, die österreichische Flagge heruntergerissen und das Schiff "notgetauft" - die MS Vorarlberg ist noch heute auf dem Bodensee unterwegs. Zur grossen Empörung hatten damals auch die "Vorarlberger Nachrichten" beigetragen - unter anderem hatte sie auf der Titelseite zur Demonstration aufgerufen.

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"Man sieht sich hier eher als Vorarlberger denn als Österreicher", sagt Riedmann. Das rühre daher, dass man durch das Arlbergmassiv vom übrigen Österreich getrennt sei und dem alemannischen Sprachraum angehöre - auch kulturell: "Die Vorarlberger nehmen für sich in Anspruch, tüchtiger und verlässlicher zu sein als die übrigen Österreicher. Auch bei uns gilt das Mantra 'Schaffe, schaffe, Häusle baue'." Das spiegle sich in der stark exportorientierten Industrie, die in vielen Nischen (fast) Weltmarktführer sei.

Die Entwicklung beiderseits des Rheins sei in den vergangenen Jahrzehnten völlig unterschiedlich verlaufen. So gebe es auf österreichischer Seite kaum mehr kilometerlange Alleen zwischen den Dörfern, sondern ein viel dichter besiedeltes Gebiet.

Allerdings findet Riedmann, dass die Beziehungen zwischen St.Gallen und Vorarlberg auch ohne Anschluss stärker gepflegt werden müssten - genauso wie mit Bayern und Baden-Württemberg auf deutscher Seite. "Wir haben es noch nicht geschafft, die parallel verlaufenden Autobahnen gescheit miteinander zu verknüpfen oder vernünftige Bahnverbindungen zu schaffen." Man täte im Bodenseeraum gut daran, gegenseitig mehr Interesse zu zeigen.
 

Auf Facebook wird die Liebe erwidert

Auf Facebook gehen die Meinungen der "Tagblatt"-Leser über einen Anschluss auseinander, auch wenn die Mehrheit klar dafür ist. "Ich hätte gerne, wenn Vorarlberg zur Schweiz gehören würde, denn meine Enkelin wohnt in Bregenz", schreibt etwa Hensel Eberle. "Ich bin dabei", "Oh ja, bitte" und "Gerne, super Leute da" schreiben auch Kurt Gehring, Brigitte Hermann und Paolo Emmanuele. Sonja Pappalardo findet, das Land Vorarlberg hätte hervorragend zur Schweiz gepasst. "Schade, dass die Chance vertan wurde!"

Brigitte Egger ist hingegen der Meinung: "Muss heute nicht mehr sein." Christian Berchtold schlägt vor, dass eher Vorarlberg den Kanton Graubünden übernehmen solle. Und Roman Berger gibt zu Bedenken, dass bei einem Anschluss auch Liechtenstein dabei sein müsste: "Sonst hätte die Schweiz ein Loch."

Und natürlich würden die Vorteile, welche das unterschiedliche Preisniveau zwischen der Schweiz und Österreich den Schweizer Konsumenten bringt, wegfallen: "Dann wär's aber vorbei mit dem Einkaufstourismus und dem billigen Fleisch", sagt Marco Rütsche. Und Susanne Jenni-Reichmuth sieht ihr "Lieblings-Ferien-Bundesland" auch weiterhin bei Österreich: Erstens seien die Ferien dank des Euro günstiger und zudem seien Gastfreundlichkeit und Service besser. (jw)


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