Ex-Finanzchef des Schwägalp-Schwinget: "Ich staune heute selber über mich"

VERUNTREUUNG ⋅ Der ehemalige Finanzchef des Schwägalp-Schwingets ist sich selber ein Rätsel. Er versteht heute nicht mehr, weshalb er knapp 300'000 Franken aus der Vereinskasse abgezweigt hatte. Am Donnerstag stand er vor dem Kreisgericht Wil.
11. Januar 2018, 20:56
Regula Weik
Er strahlt. Zu recht. Der Eidgenössische Schwingerverband hat ihn soeben zum Ehrenmitglied ernannt. Er ist damit im Olymp der Schwinger angekommen. Doch da gibt es eine andere, eine düstere Seite. Von der keiner seiner Schwingerfreunde weiss.

Einen Monat zuvor – es war im Februar 2016 – hatte er in die Kasse des Vereins Schwägalp-Schwinget gegriffen und 18375.80 Franken auf ein eigenes privates Konto überwiesen. Es war ein Leichtes gewesen. Er war damals Finanzchef des Vereins. 16-mal bediente er sich in den folgenden Monaten aus der Vereinskasse. 292218.45 Franken waren es schliesslich, die er insgesamt auf seine Privat- oder Geschäftskonten abgezweigt hatte. Den grössten Teil des Geldes investierte er in riskante Anlagen in den USA.

Der frühere Finanzchef des Schwägalp-Schwinget hat zugegeben, 290'000 Franken veruntreut zu haben. Am Donnerstag wurde der 66-Jährige im abgekürzten Verfahren zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 18 Monaten verurteilt. (Silvia Minder)

Gestern stand der heute 66-Jährige vor Kreisgericht Wil. Schwarze Hose, dunkelgrauer Kittel, hellgraues Hemd. Der einst frohgemute Mann wirkt müde, mitgenommen. «Es macht mir zu schaffen», wird er später in der Befragung durch den Gerichtsvorsitzenden sagen. Er habe «einen Seich» gemacht, dazu stehe er. «Ich muss es ausbaden und aushalten.»


«Weshalb haben Sie nicht Tabula rasa gemacht?»

Aufgeflogen war das Ganze im vergangenen Frühling. Der Verein Schwägalp-Schwinget wollte in eine Tribüne investieren, doch die Bank beschied ihm, um sein Vermögen stehe es nicht zum Besten. Da zeigte sich dann auch, dass der Beschuldigte mit selber kreierten Bankbelegen die Überweisungen verschleiert hatte. Vom Vereinspräsidenten zur Rede gestellt, wies er die Schuld von sich – und einer Mitarbeiterin seines Treuhandbüros zu. Die Frau stecke privat in finanziellen Schwierigkeiten; er werde für den Schaden aufkommen und den Rest mit ihr klären. Weshalb er, vom Vereinspräsidenten mit den fraglichen Überweisungen konfrontiert, nicht einfach Tabula rasa gemacht und «die Hose runter gelassen» habe, will der Gerichtsvorsitzende wissen. Weshalb er stattdessen die Mitarbeiterin beschuldigt habe? «Das war der grösste Fehler. Ich bereue es zutiefst», sagt der Beschuldigte. Nach dem Grund für seine Verfehlungen gefragt, antwortet er: Er verstehe es heute selber nicht mehr. Er staune selber über sich. «Es gab keinen Grund. Ich hatte keine finanziellen Sorgen.» Er habe sich in etwas hineindrängen lassen. In spekulative Geschäfte, hakt der Gerichtsvorsitzende nach. Er sei dazu «durch Telefone» verleitet worden. «Das ist eine Schwäche von mir: Ich kann fast nicht nein sagen.» Danach sei er «in Panik verfallen» und habe «vertuschen wollen, was nicht sein darf». Die Schwingerkollegen hätten ihm als Freund und Treuhänder vertraut. «Hatten Sie kein schlechtes Gewissen?», will der Gerichtsvorsitzende wissen. Er sei völlig verblendet gewesen und habe das Unrecht seiner Taten damals nicht wahrgenommen. Sein Treuhandbüro hatte er zwischenzeitlich verkauft. Bei der Geschäftsübergabe sagte er damals gegenüber unserer Zeitung: «Ich habe immer ein Faible für Zahlen gehabt.»
 

Bis auf den letzten Rappen alles zurückgezahlt

Nachdem seine Geschäfte aufgeflogen waren, zog der Beschuldigte die Konsequenzen und trat als Finanzchef und OK-Mitglied zurück. Und er ersetzte dem Verein Schwägalp-Schwinget den finanziellen Schaden – «rasch und bis auf den letzten Rappen», wie sein Verteidiger festhält. Der Treuhänder nahm dafür ein Darlehen auf. Er sei inzwischen pensioniert, seine Frau sei noch berufstätig. «Es gibt keinen Luxus mehr. Wir müssen bescheiden leben», sagte er gestern vor Gericht.
 

Verein drängte ihn nicht zur Selbstanzeige

Der Verein Schwägalp-Schwinget verzichtete auf eine Anzeige. Er bedauerte in einem Communiqué, der ehemalige Finanzchef habe «wegen seines Fehlverhaltens leider keinen ehrenvollen Abgang von der Schwinger-Bühne nehmen können».

Der Beschuldigte hatte sich schliesslich selber bei der Staatsanwaltschaft angezeigt. Er sei vom Verein nicht dazu gedrängt worden. Das Kreisgericht Wil verurteilte ihn schliesslich in einem abgekürzten Verfahren wegen mehrfacher Veruntreuung, mehrfacher Urkundenfälschung und mehrfacher Verleumdung zu einer bedingten Gefängnisstrafe von 18 Monaten und zu einer Busse von 2000 Franken. Die Probezeit beträgt zwei Jahre. Das Gericht folgte damit der Staatsanwaltschaft. «Was Sie getan haben, ist massiv», sagte der Gerichtsvorsitzende zum Abschluss. «Wenn Sie nicht am Ende der beruflichen Laufbahn stünden, wäre ein Berufsverbot ein Thema gewesen.»

Er anerkenne das Urteil. Er stehe gerade für das, war er getan habe, sagte der Verurteilte nach der Verhandlung. Sein Herz habe all die Jahre dem Schwingsport gehört. Aus Respekt gegenüber dem Sport und allen Schwingfreunden habe er sich aus sämtlichen Gremien zurückgezogen. «In meiner Seele werde ich dem Schwingsport immer verbunden bleiben.»

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