Verschwörungsstar verliert Lehrauftrag: Auch Uni St.Gallen lässt Daniele Ganser fallen

VERSCHWÖRUNGSTHEORIEN ⋅ Daniele Ganser verliert seinen letzten Lehrauftrag. Nach der Universität Basel lässt ihn nun auch die Hochschule St. Gallen fallen. Ist es eine Verschwörung?
07. April 2018, 09:17
Andreas Maurer/Schweiz am Wochenende
Das aktuelle Tourprogramm von Dr. Daniele Ganser – auf Veranstaltungsflyern kündigt er sich stets mit Doktortitel an – liest sich wie jenes eines Popstars: Zürich, Basel, Hamburg, Hannover, Zug, Köln, Erfurt, Leipzig, St.Gallen. Die One-Man-Show, für die ein Eintritt rund 35 Franken kostet, ist meist ausverkauft. In Hamburg tritt der 45-Jährige deshalb dreimal auf.

Ganser ist der bekannteste Schweizer Vertreter einer wachsenden Szene: Seine Fans haben das Vertrauen in die klassischen Medien verloren und suchen nach alternativen Erklärungsansätzen. Ganser präsentiert ihnen Verschwörungstheorien und lässt offen, welche Version zutrifft, die offizielle oder eine andere. Er nennt aber Zweifel an der gängigen Geschichtsschreibung und nennt Hinweise für die alternative Interpretation. Haben die USA das WTC-7-Gebäude bei 9/11 in die Luft gesprengt? Verantwortet die Nato das Massaker von Srebrenica? Stecken hinter Terroranschlägen westliche Geheimdienste und gar nicht Islamisten?

Obwohl Gansers Anhänger den Institutionen misstrauen, zieht sein wissenschaftlicher Hintergrund als Verkaufsargument. Doch dieser ist Vergangenheit.

Von der Öffentlichkeit bisher unbemerkt, hat die Universität St.Gallen seinen Lehrauftrag gestrichen. Von 2012 bis 2017 gab Ganser einen Kurs über Geschichte und Zukunft von Energiesystemen, organisiert von Energie-Professor Rolf Wüstenhagen. Dieser beantragte der Studienleitung, Ganser für das Herbstsemester 2018 erneut zu engagieren. Doch der verantwortliche Geschichtsprofessor Caspar Hirschi verhinderte dies. Auf Anfrage erklärt Hirschi, es sei ein üblicher Vorgang, dass neue Lehraufträge vergeben und alte nicht erneuert würden. Zudem sei der Studiengang reformiert worden. Er sagt: «Herr Ganser war einer von vielen externen Dozierenden, die davon betroffen waren, und wie bei allen anderen war medialer Druck kein Entscheidungskriterium.»

Der mediale Druck entstand nach einem Skandal in der SRF-Sendung «Arena», in der Ganser im Februar 2017 auftrat. Danach wurde Ganser für die Universität zum Reputationsrisiko. Hirschi sagte damals in der «NZZ»: «Ganser wagt sich in der Öffentlichkeit mit Spekulationen auf die Äste hinaus, die aus wissenschaftlicher Sicht problematisch sind. Das Reputationsrisiko für die Hochschule St. Gallen wäre aber ungleich grösser, wenn wir auf medialen Druck hin die kritische Auseinandersetzung mit Ganser an der Universität abklemmten.» Nun ist Auseinandersetzung abgeklemmt. Doch das eine habe mit dem anderen nichts zu tun, heisst es.


Professoren in Verlegenheit
Die Geschichte wiederholt sich. An der Universität Basel entstand 2015 medialer Druck, als die «Schweiz am Sonntag» publik machte, dass Ganser einen Vortrag mit dem Uni-Logo ankündigte und dafür vom Rektor gerügt wurde. Da er von der Uni nicht angestellt war, sei er dazu nicht berechtigt. Dennoch durfte er weiterhin als Gastdozent in einem Nachdiplomstudium für Konfliktanalysen einen Kurs anbieten. Verantwortlich war Soziologieprofessor Ueli Mäder. Heute sagt er: «Ich hielt auch an ihm fest, als Kolleginnen befürchteten, er schade dem Ruf der Uni.» 2016 wurde Mäder emeritiert. Seine Nachfolger stellten den Studiengang ein. Ein Teil wurde an ein anderes Institut übertragen, doch an Gansers Expertise bestand kein Interesse. Der Lehrauftrag wurde gestrichen. Der Grund sei die Neuorganisation, nicht Ganser, heisst es offiziell.

Mit ihrer Argumentation nähren die Universitäten Gansers persönliche Verschwörungstheorie: jene von der Wissenschaft, die sich gegen ihn verschworen habe. Dabei wäre es kein Tabubruch, wenn die Universitäten den Grund für die Einstellung der Lehraufträge offen nennen würden. Nämlich: Ganser arbeitet nicht wissenschaftlich. Er publiziert nicht in Zeitschriften mit wissenschaftlicher Qualitätskontrolle. Er stellt seine Methoden nicht zur Diskussion. Und er mischt seriöse und unseriöse Quellen.


Doktortitel als Betriebsunfall
Mittlerweile distanziert sich sogar sein Doktorvater Georg Kreis. Im neuen Buch von Roger Schawinski wird bekannt, dass der emeritierte Geschichtsprofessor seinen ehemaligen Doktoranden nach der «Arena» in einem Telefonat persönlich rügte. Er kritisierte ihn dafür, seinen Doktortitel in der Diskussion als Argument eingesetzt zu haben. Auf Anfrage bestätigt dies Kreis. Zudem distanziert er sich fachlich: «Ich habe auch sein Habilitationsprojekt nicht mehr mittragen können.» Kreis hatte sich geweigert, Gansers Habilitationsschrift abzusegnen. Damit hätte sich dieser noch besser verkaufen können: als Professor Ganser. Danach versuchte Ganser, andere Professoren für sich zu gewinnen, doch auch sie sahen die wissenschaftlichen Standards nicht als erfüllt an. Kreis erklärt, weshalb Ganser in der Wissenschaft auf Ablehnung stösst: «Wissenschaft setzt Selbstreflexion voraus. Man muss immer wissen, wie dick das Eis ist, auf dem man sich bewegt.»

Markus Linden, Politologe der Universität Trier, gehört zu den ersten Wissenschaftern, die Ganser öffentlich kritisierten. Doch er sagt: «Die pauschale Diffamierung von Daniele Ganser wird ihm nicht gerecht. Er bringt einzelne Aspekte in die öffentliche Debatte ein, die wichtig und aus wissenschaftlicher Sicht nicht zu beanstanden sind.» Man könne ihn nicht knacken, wenn man ihn pauschal als Verschwörungstheoretiker verunglimpfe, sondern indem man einzelne Aspekte widerlege. Zum Beispiel die Srebrenica-Hintergründe: «Ganser stellt sie so dar, als hätten die Nato-Länder die UNO bewusst schwach ausgestattet, um einen Krieg anzuzetteln. Seine Darstellung ist einseitig.»


Alternative Teilöffentlichkeiten
Die Ablehnung der Wissenschaft gegenüber Ganser wird grösser. Gleichzeitig wächst seine Fangemeinde. Diese Polarisierung hat zwei Gründe. Traditionelle Medien befinden sich in einer Glaubwürdigkeitskrise. Gleichzeitig schaffen neue Medienkanäle alternative Teilöffentlichkeiten. Ganser und seine Anhänger schöpfen ihre Kraft aus dem Kampf gegen die sogenannten Mainstream-Medien. Ganser kommuniziert fast nur noch über seine eigenen Plattformen. Eine Interviewanfrage für Schawinskis Buch lehnte er ab. Auch für diese Zeitung war er nicht zu sprechen.

Politologe Linden ortet einen Wendepunkt in der Ukraine-Krise: «Die westlichen Medien berichteten zu einseitig gegen Russland. Es dominierte die Darstellung von ukrainischen Freiheitskämpfern, die sich gegen ein diktatorisches Regime wehrten.» Dass es in ihren Reihen auch einen faschistischen Block gegeben habe, sei kaum diskutiert worden: «Auch bei Leuten, die sonst Verschwörungstheorien nicht zugeneigt sind, wuchs dadurch Misstrauen gegenüber westlichen Medien.» Dadurch habe sich etwas aufgeschaukelt, das man nun kaum mehr einfangen könne.

Über alternative Online-Plattformen und Youtube-Kanäle haben Prediger wie Ganser einen direkten Zugang zum Publikum gefunden. Kreis erklärt das Phänomen: «Mit dem Internet kann Daniele Ganser leicht viele Menschen erreichen und aktivieren, die auf seine Deutungen und Vermutungen ansprechen, derweil andere, die nichts damit anfangen können, sich verständlicherweise darauf nicht einlassen und sich da raushalten.»

Die Szene trifft sich an Gansers Vorträgen. In der Eventbranche heisst es, eine Ganser-Show könne man für 6000 Euro buchen. Auf Hörsäle von Universitäten ist er nicht mehr angewiesen. Sie wären einzig für das Renommee hilfreich.
 

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