Wie die Thurgauer Behörden einen Mann versehentlich zum Vater machen

SPIESSRUTENLAUF ⋅ Im Februar 2016 wird einem Mann aus Bern eröffnet, dass er Vater geworden sei – und ihm bei fehlender Kooperation eine Klage drohe. Unmöglich, denkt er. Doch es folgt ein monatelanger Spiessrutenlauf mit den Behörden, bis der Irrtum aufgedeckt wird.
03. Dezember 2017, 07:30
Janina Gehrig
Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier: www.tagblatt.ch/epaper
 

Der 27. Februar 2016 war ein Samstag. Michael Jost* erinnert sich genau, wie er den Brief aus dem Couvert klaubte, dessen Zeilen las, ungläubig, immer wieder. Es war ein Brief der Berufsbeistandschaft Romanshorn. «Sehr geehrter Herr Jost. Frau Kühne* hat im September 2015 Ihre Tochter Jessica* geboren», stand darin. Als «Vater von Jessica» solle Jost doch bitte in den nächsten zwei Wochen die Vaterschaft anerkennen sowie seine Einkommenssituation darlegen.

«Im ersten Moment musste ich ­lachen», sagt Jost, der den Namen der Kindsmutter noch nie gehört hatte, in der Stadt Bern wohnt und keinen Bezug zur Ostschweiz hat. Doch dann kam der Schock. Er solle die Forderungen doch bitte wahrnehmen, stand im Brief weiter, «ansonsten ich mich verpflichtet sehe, eine Vaterschaftsklage einzureichen».
 

Seinen Namen gibt es in der Schweiz etwa 20-mal

Jost sagt, er habe angefangen, an sich zu zweifeln. Ohne stichhaltige Belege ­würde niemals ein solcher Brief verschickt, denkt er. «Ich holte meine Agenda hervor, grübelte nach, ob ich etwas verdrängte. Ob ich einmal an einer Party war und mich nicht mehr erinnern konnte, eine Frau mit diesem Namen kennen gelernt zu haben.» Doch Jost fand nichts. Da war nichts. Was folgte, nennt Jost aus heutiger Sicht ein «ziemlich krasses Versagen der Behörden».

Jost schreibt der Beiständin der Kindsmutter, die den Brief unterzeichnet hatte, ein E-Mail, es müsse sich um eine Verwechslung handeln. «Meinen Namen gibt es in der Schweiz etwa 20-mal.» Ein paar Tage später ruft er in Romanshorn an. Die Beiständin schiebt die Verantwortung auf die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) Arbon, in deren Auftrag sie die Vaterschaft ihrer Mandantin abkläre. Der Fall liege jetzt da. Auf die Fragen, wie und warum Nadine Kühne auf seinen Namen gestossen war, erhält Jost keine Antwort. Amtsgeheimnis, heisst es. Bei der Kesb wird er mit dem Satz abgespeist: «Es hat noch jeder behauptet, er sei es nicht gewesen.» – «Das hat mich so wütend gemacht, diese Kaltschnäuzigkeit», sagt Jost.

Gleichzeitig beginnt er, Nachforschun­gen über Nadine Kühne anzustellen. «Aus ihren Kommentaren in sozialen Netzwerken wurde mir sofort klar, dass die Frau in einer schwierigen Lebens­situation steckt. Sie lebt in einem Heim», sagt Jost. «Es kann den Behördenmitgliedern doch nicht entgangen sein, dass hier etwas nicht stimmte. Hätten sie Frau Kühne nach meinem Geburtsdatum, meiner Familie befragt, wäre doch sofort klar geworden, dass sie mich gar nicht kennen kann», sagt er.

Die Angelegenheit lässt Jost keine Ruhe. Noch immer hat er keine Bestätigung dafür erhalten, dass es sich um eine Verwechslung gehandelt hat, die angedrohte Klage gegen ihn nicht erhoben wird. «Ich wollte, dass mein Name aus den Akten gelöscht wird.» Jost, 43-jährig, Elektroingenieur, fürchtet, die vermeintliche Tochter würde seinen Namen später mit ihrer Herkunft in Verbindung bringen – liesse sich der richtige Vater tatsächlich nicht finden. Abermals ruft er bei der Berufsbeistandschaft und bei der Kesb an. Ohne eine befriedigende Antwort zu erhalten. Jost schaltet einen Anwalt ein, «weil ich wissen wollte, was auf mich zukommen könnte». Ende ­April erhält der Berner erneut Post. Die Kesb Arbon hat entschieden, für das Mädchen einen Beistand einzusetzen. Im Dokument steht auch, dass ein weiterer Mann als Vater in Frage kommt, der dies aber «aufgrund eines nur einmaligen Geschlechtsverkehrs während einer dauerhaften Beziehung der Mutter mit einem anderen Mann» anzweifelt. Weiterhin wird Jost als möglicher Vater vermerkt. Nadine Kühne hatte ihn als «ihren langjährigen Partner» angegeben.
 

Behörden reagieren erst auf Druck

Jost kontaktiert den eingesetzten Beistand von Jessica, Christian Hug. Erstmals räumt man ein, dass es sich um eine Verwechslung handeln könnte. Man verspricht Jost, die Sache bald zu klären, ihn in zwei Wochen wieder zu kontaktieren. Es passiert wieder nichts. Mittlerweile ist es Sommer. Jost hat genug. Er gelangt an den Romanshorner Stadtpräsidenten, David H. Bon, und an den Thurgauer ­Regierungsrat Jakob Stark, nochmals an den damaligen Präsidenten der Kesb ­Arbon, Andreas Hildebrand, und wieder an Hug. «An wen kann ich mich wenden, damit dieser Albtraum ein rasches Ende hat?», fragt Jost. Es geht eine Aufsichtsbeschwerde gegen die Kesb ein. Wegen Verschleppung. «Der psychische Druck, das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden, sind für mich unerträglich geworden», sagt Jost, der glaubt, dass die Behörden etwas in der Hand haben müssten gegen ihn. Er sei alleinstehend. «Stellen Sie sich vor, ich hätte eine Frau. Stellen Sie sich vor, in welche Erklärungsnot ich geraten wäre. Das hätte eine Beziehung zerstören können.» Erst jetzt, nach dem Brief an Stark und Bon, sei die Sache ins Rollen gekommen, sagt Jost. «Endlich schien man zu realisieren, dass es in der Schweiz mehr als einen Michael Jost gibt.» Dann stutzt er erneut. Per Brief erfährt er von Hug, dass dieser nun «glücklicherweise über eine Foto vom möglichen Kindsvater» verfüge. Hug ­bittet ihn zwecks eines Abgleichs, eine Foto sowie eine Ausweiskopie zuzustellen. «Das ist doch Habakuk», sagt Jost. Weil er befürchtet, dass auch noch Bilder und Passkopien im Dossier von Nadine und Jessica Kühne landen, verweigert er dies.

Sind die Behörden überfordert?, fragt sich Jost. Schliesslich stossen Berufs­beistände an ihre Grenzen, wie kürzlich berichtet wurde. Jeder Beistand führt im Schnitt 72 Mandate gleichzeitig. Pro Fall bleiben 90 Minuten Zeit im Monat – zu wenig, um vertieft auf Betroffene einzugehen. Jost hat Verständnis dafür, dass die Behörden bei unklarer Vaterschaft aktiv werden müssen. «Aber dass ein Brief verschickt wird, der keine Zweifel daran offen lässt, dass ich der gesuchte Vater eines Kindes bin, und dass bei der ersten Kontaktaufnahme gleich mit Vaterschaftsklage gedroht wird, macht mich sprachlos, bis heute.»
 

Jedes Kind hat das Recht, zu wissen, wer sein Vater ist

Reto Schmid, seit Juni 2017 Präsident der Kesb Arbon, äussert sich nicht zum vorliegenden Fall. «Es ist aber ein gesetz­licher Auftrag, dass die Vaterschaft eines Kindes zwingend festgestellt werden muss, sofern das Kindswohl gefährdet ist», sagt er. Mit der Suche nach dem Vater beauftragt die Kesb in der Regel Berufsbeistände. Diese müssten nötigenfalls mit einer Klage für die «Feststellung des Kindsverhältnisses» sorgen, wenn es Anhaltspunkte für eine Vaterschaft gebe, sagt Schmid.

Konkreter wird Andreas Hildebrand, damaliger Präsident der Kesb Arbon. Er spricht von einem «sehr seltenen, speziellen Fall». Es komme zwar jährlich ein- bis zweimal vor, dass man sehr vage Angaben der Mütter erhalte. Auch, dass bis zu drei Männer als Väter in Frage kommen. «In meiner Laufbahn ist es jedoch noch nie vorgekommen, dass ein absolut Unbeteiligter wie Herr Jost in die Sache hineingezogen wurde.» So räumt er denn auch ein, in diesem Falle wäre ein Anruf anstelle des Standardbriefes mit der angedrohten Vaterschaftsklage angemessener gewesen. «Wir haben den Ton nicht getroffen», sagt Hildebrand. In Bezug auf die Arbeitsbelastung der Beiständin, die den Brief verschickt ­hatte, sagt er: «Die Mitarbeiterin hat sehr viele Mandate zu betreuen, wie alle Berufsbeistände.» Das sei «gewiss an der Grenze zu dem, was verantwortungsvoll» sei. Christian Hug, der damals zuständige Sozialdienstleiter der Stadt Romanshorn, schätzt die Zahl der Mandate, die ein Beistand bei einer Vollzeitanstellung betreut, auf etwa 80. Die Zahl sei ­jedoch mit Vorsicht zu geniessen. «Es ist natürlich weniger aufwendig, eine ältere Frau zu betreuen, die in einem Pflegeheim wohnt, als einen Kindsvater irgendwo auf der Welt zu suchen.»

So räumt auch Hug Fehler ein. Seine Mitarbeiterin habe den Brief ungeschickt formuliert. Auch der Fotoabgleich sei «natürlich unüblich». «Ich versuchte, den Fall pragmatisch zu lösen.» Die Mutter habe aber keinerlei verwertbare Angaben machen können. «Wir müssen ­allen Hinweisen nachgehen. Jedes Kind hat das Recht darauf, zu wissen, wer sein Vater ist.» Um zu verdeutlichen, wie schwierig sich diese Aufgabe zuweilen gestaltet, sagt Hug: «Auf die Frage nach dem Kindsvater habe ich auch schon die Antwort erhalten ‹Er fährt einen roten Opel Manta mit einem Fuchsschwanz an der Radioantenne›. In den zwölf Jahren, in denen er als Vormundschafts­sekretär arbeitete, seien rund achtmal DNA-Gutachten erstellt worden.

Seit Februar sind sieben Monate vergangen, Monate der Ungewissheit. Am 8. Oktober 2016, wieder an einem Samstag, erhält Jost erneut Post aus Romanshorn. Es ist die Bestätigung, dass er «aufgrund vorliegender DNA-Gutachten nicht der Vater» von Jessica Kühne ist. Für die «entstandenen Umtriebe im Zusammenhang mit der Vaterschaftsabklärung» entschuldigt man sich. Auf die Beschwerde der Verschleppung geht das Obergericht nicht ein. Wenigstens, so ist von Jost zu erfahren, habe man den tatsächlichen Vater von Jessica schliesslich gefunden.

* Name geändert


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