Olma-Chef Paganini: "Unsere Konkurrenz ist das Internet"

75 JAHRE OLMA ⋅ In einer Woche ticken viele St. Gallerinnen und St. Galler anders: Es ist Olma-Zeit. Was Direktor Nicolo Paganini gerne über die Messebesucher wüsste, weshalb er in Köln eine Computerspiel-Ausstellung besucht und was St. Gallen vom Thurgau lernen kann.
04. Oktober 2017, 06:42
Regula Weik, Christoph Zweili

Regula Weik, Christoph Zweili

ostschweiz@tagblatt.ch

Nicolo Paganini, die Olma-Messen wollen grösser werden. Werden sie auch besser?

Sie sprechen die geplante neue Halle an. Es geht vor allem darum, sich qualitativ zu verbessern. Uns fehlt eine neue, moderne Halle. Die jüngsten Messehallen sind bald 20-jährig. Die Halle 1 beispielsweise können wir nur noch schwer vermieten; sie ist ältelig, hat viele Stützen.

Die neue Halle bedeutet aber doch eine Vergrösserung des Geländes. Das wäre also gar nicht nötig?

Bei Olma und der Tier & Technik ist die Nachfrage derart gross, dass wir mehr Fläche vermieten könnten, als uns heute zur Verfügung steht. Diese beiden Messen werden mit dem Neubau tatsächlich grösser. Ebenso wichtig ist: Heute müssen wir etliche Veranstaltungen und Versammlungen aus Platzgründen absagen. Die neue Halle erlaubt uns «Parallel­anlässe», vielleicht haben wir dann gleichzeitig zur Immo-Messe noch einen Medizinerkongress.

Sind Ihre Expansionsgelüste mit der neuen Halle befriedigt?

Ich glaube nicht, dass wir räumlich noch einmal expandieren werden. Ich wüsste auch gar nicht wo. Es dürfte eher so sein, dass künftig alte Hallen ersetzt werden.

Wenn es keinen Platz mehr hat: Weshalb zügeln Sie nicht an den Stadtrand?

Ich wüsste nicht wohin. Eine Messe am Stadtrand, etwa auf dem Breitfeld, kann Vorteile haben, wenn man fachmessenlastig ist wie Friedrichshafen. Wir haben ausser der Tier & Technik keine wirkliche Fachmesse, sondern Publikumsmessen. Da spielt die Verbindung zur Stadt eine grosse Rolle. Manchmal erzählen Leute, sie seien an der Olma gewesen – doch sie waren nie auf dem Gelände. Sie waren am Jahrmarkt oder auf dem Brühl. In der Wahrnehmung der Leute ist dies alles ein Paket, ein Erlebnis. Das wäre am Stadtrand nicht möglich.

Die Messe Dornbirn hat eben eine neue Halle in Betrieb genommen. Eine Konkurrenz?

Nein. Wenn wir aber sehen, dass Zürich eine neue Messehalle hat, Basel investierte, Bern 2011 eine neue Messehalle in Betrieb nahm und bald die nächste erneuert, so zeigt uns das: Wir sind nicht die einzigen, die an Livekommunikation glauben.

Ihre Konkurrenten sind demnach Zürich, Bern, Basel oder Luzern?

Die grosse Konkurrenz im Messebereich sind nicht andere Standorte, sondern die anderen Verkaufskanäle, allen voran das Internet. Je besser es der Züspa, Bea, Muba, Luga geht, desto besser geht es auch uns – weil dies heisst: Es gibt Unternehmer, die auf Messen als Informationskanal setzen. Im Kongress- und Eventbereich ist es anders. Da sind wir in direkter Konkurrenzsituation mit Davos, Interlaken, Basel, Zürich, Bern.

Ist ein Hallenneubau heute noch zeitgemäss? Ist die künftige Messelandschaft nicht eine virtuelle?

Die unmittelbare Begegnung ist etwas extrem Menschliches. Wir glauben daran, dass sich die Leute physisch begegnen wollen. Ich glaube sogar, dass es ­einen Gegentrend geben wird – weg von der digitalen Wüste hin zum persönlichen Erlebnis. So trifft sich die Community der Computerspieler jedes Jahr fünf Tage in Köln, und Hunderttausende Zuschauer verfolgen das Ganze vor Ort mit. Wir gehen nächstes Jahr mal hin.

Und 2019 gibt es dann eine solche Gameshow auf dem Olma-Areal?

Ein sportlicher Wettkampf von Computerspielern könnte eine Option für die Olma-Messen sein. Wir bräuchten dafür aber einen Partner, der uns den Inhalt liefert und das nötige Know-how hat. Wir sind nur die Messemacher.

Und das wäre dann der erste Schritt von der traditionellen hin zur digitalen Messe?

Die DNA der Olma ist auf die persönliche Begegnung ausgerichtet. Trotzdem wird auch die Olma-Welt digitaler. Ein Thema, das uns beschäftigt: Wie können wir die digitale Welt nutzen, um das persönliche Erlebnis der Messe wertvoller zu machen? Dazu müssten wir unsere 380000 Olma-Besucher kennen. Wenn wir etwa über einen Log-in beim Ticketkauf erfahren würden, ob der Besucher Käse-, Tier- oder Hosenträgerliebhaber ist, könnten wir ihm ein persönliches Messepaket schnüren. Das wäre ein Gewinn für Aussteller und Besucher.

Ist das Ihre Antwort auf die sinkenden Besucherzahlen der Olma?

Wir hatten 2016 weniger Olma-Besucher als im Vorjahr. Das trifft zu. Die Besucherzahlen der beiden Publikumsmessen Olma und Offa sind sehr gut. Die Offa verbuchte die letzten beiden Jahre die höchsten Besucherzahlen seit je.

Die Olma ist das Aushängeschild der Olma-Messen. Welche Messe hat das grösste Entwicklungspotenzial?

Es gibt nicht die Messe mit dem grössten Potenzial. Stolz sind wir, dass St.Gallen als einziger Schweizer Messeplatz eine zweite Publikumsmesse mit sehr viel ­Zulauf hat: Die Offa zählt in fünf Tagen mehr Besucher als die Züspa in zehn Tagen. Auch die Fachmesse Tier & Technik zählt trotz schwierigem landwirtschaftlichen Umfeld jedes Jahr mehr Besucher.

Die Olma nennt sich heute Schweizer Messe für Landwirtschaft und Ernährung. Wie viel Landwirtschaft steckt noch in ihr drin?

Die Beschaffungsmesse für Bauern gibt es nicht mehr. Es werden auch keine Traktoren, keine Druckfässer, keine Melkroboter mehr verkauft. Trotzdem steckt durchaus noch Landwirtschaft in der Olma – sei es in der Begegnung einer eher urbanen mit der ländlichen Bevölkerung oder dem Kontakt zwischen Produzenten und Konsumenten. Wir betreiben einen grossen Aufwand, um die Landwirtschaft sichtbar zu machen; so haben wir bei den Tierausstellungen und dem Arenaprogramm nie gespart – im Gegensatz zu anderen Messen.

Wichtiger ist heute aber die ­Ernährung?

Beides hängt zusammen. Es geht darum, die Wertschöpfungskette aufzuzeigen: Was geschieht vom Anbau über die Veredlung, die Vermarktung bis zum Konsum. Für viele Besucher sind die Tiere der Höhepunkt der Olma – sehen sie die Kuh im Stall, denken sie dennoch kaum gleich ans Entrecote.

Apropos Fleisch: Weshalb braucht die Olma eine Extrawurst?

Keine Ahnung, wer auf die Idee mit der Olma-Bratwurst kam. Die St.Galler Kalbsbratwurst war schon berühmt, bevor es die Olma gab. Heute profitieren Olma-Bratwurst und Olma-Schüblig von der starken Marke Olma, umgekehrt liegt das ganze Jahr ein Produkt im Kühlregal, das an diese Marke erinnert.

Thurgau ist der diesjährige Gastkanton. Sie sind Thurgauer. Steht Ihnen eine langweilige Messe bevor?

Nein, sie wird spannend. Es werden noch mehr Thurgauer kommen als üblich, und ich werde noch mehr Leute kennen. Ich bin jetzt 15 Jahre weg aus dem Thurgau. Da verändert sich vieles. Ich bin gespannt, wie sich der Kanton präsentiert. Ich habe mir immer gewünscht, dass der Thurgau in meiner Zeit als Olma-Direktor einmal Gastkanton sein wird.

Ihr Wunsch ist erfüllt – Ihr Abschied von der Olma nahe?

Ich bin seit sechs Jahren Olma-Direktor. Ich will sie nicht 20- oder 25-mal machen. Es werden vielleicht 10 oder 12. Dass in dieser Zeitspanne der Thurgau Gastkanton ist, ist schön.

Was kann St.Gallen vom Thurgau lernen?

Mehr Gelassenheit. Weniger Energie in interne Grabenkämpfe zu stecken. Im Thurgau wird mehr zusammengearbeitet. Das Verhältnis zwischen Regierung und Parlament ist konstruktiver und entspannter als im Kanton St.Gallen.

Der Thurgau scheint öfter darunter zu leiden, nicht der grösste Ostschweizer Kanton zu sein.

Das glaube ich nicht. Doch man wird nicht gerne als Juniorpartner behandelt, bloss weil man halb so gross wie der Nachbar ist. Ein ähnliches Verhältnis hat St.Gallen zu Zürich. Der Kleinere hat manchmal ein Minderwertigkeitsgefühl, das gar nicht nötig wäre. Dafür fehlt es dem Grossen manchmal an Sensibilität.

Die Olma-Eröffnung wurde als Pflichttermin für den Bundespräsidenten gestrichen. Haben Sie den Berner Entscheid verkraftet?

Es ist jedes Jahr ein Bundesrat hier – eine Hommage an die Olma und ihre nationale Ausstrahlung. Dieses Jahr reist Bundespräsidentin Doris Leuthard an. Die Pflicht für den Bundespräsidenten galt nur ein paar Jahre. Das Aus tat daher nicht weh.

Welcher Bundesrat wäre Ihnen als Gast der liebste?

Einer, der noch nie hier war: Ignazio Cassis.

Auf welches Säuli lohnt es sich zu setzen?

Klar, auf das «Thurgaunerli».

St.Gallen ohne Olma ist wie…

…eine Bratwurst ohne Bürli.


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