Und ewig lockt das Schnäppchen? Ein Pro und Contra zum Einkaufstourismus

EINKAUFSTOURISMUS ⋅ Am Mittwochnachmittag oder am Samstag kurz nach Konstanz zum Einkaufen. Für viele ist das heute so normal wie der Weg zur Arbeit. Doch was ist zu halten vom Einkaufen im Ausland? Redaktorin Andrea Häusler und Redaktor Urs Nobel sind sich nicht einig.
05. Oktober 2017, 16:45


Es sind Millionen an Franken, die täglich in die Kassen deutscher Verkaufsgeschäfte fliessen. Geld notabene, das dem Umsatz der Schweizer Geschäfte in Wil und anderen Orten abgeht. «Nicht so schlimm», sagen die einen. «Wer sein Geld in der Schweiz verdient, sollte es auch in der Schweiz ausgeben», sagen die andern.

Es geht immer um das Gleiche

Wer in Konstanz oder anderswo im grenznahen Ausland einkauft, tut es meistens aus Spargründen. Nach wie vor werden dort viele Produkte zu einem deutlich günstigeren Preis als in der Schweiz angeboten. Die Gründe sind vielfältig. Sie reichen von tieferen Herstellungs- und Lohnkosten über Qualitätsunterschiede und vorteilhafteren Mengenkalkulationen bis hin zur differenzierten Margenpolitik und zuweilen auch rücksichtslosem Ausspielen von Marktmacht. Hüben wie drüben geht es im Kern aber um das Gleiche: möglichst viele Kunden zu gewinnen und hohe Umsätze zu erzielen. Entscheidend dabei ist und bleibt die Marge: Nur von dem, was nach Abzug sämtlicher Kosten übrig bleibt, kann die Zukunft finanziert werden. Das gelingt gegenwärtig eher auf Kostanzer Seite. Viele Schweizer Geschäfte leiden unter dem Umsatzabfluss und verlieren mehr und mehr ihre Existenzgrundlage. Je näher die Läden an der Grenze sind, desto ausgeprägter und hoffnungsloser ist die Situation. (hs)

Ausland-Shopping ohne schlechtes Gewissen

Andrea Häusler Zoom

Andrea Häusler

Pro: Coop, Migros, Denner, Aldi und Lidl konkurrenzieren sich im Werben um Konsumenten zunehmend mit Preissenkungen. Dennoch ist der Preisunterschied zu gleichen oder vergleichbaren Produkten im Ausland erheblich geblieben: Cassis-de-Dijon-Prinzip hin oder her.

Die Gründe, die vorgebracht werden, um den Status der Schweiz als Hochpreisinsel zu zementieren, sind vielfältig. Argumentiert wird mit höheren Kosten für Löhne, Mieten und Marketing. Eine Begründung, der andere entgegensetzen, dass bei Betrachtung der gesamten Lohnkosten (inklusive Nebenkosten und Produktivität) Arbeitskräfte in der Schweiz kaum teurer seien als solche im Ausland. Tatsächlich müsste sich der Detailhandel noch nachdrücklicher um europagerechte Lieferantenpreise bemühen. Aber wollen sie überhaupt günstiger sein, solange der inländische Markt sie nicht dazu zwingt?

Wer die hohen Margen oder letztlich Preise nicht hinnehmen will und ins nahe Ausland ausweicht, dem wird ein schlechtes Gewissen eingeredet. Dabei ist es durchaus legitim, sich gegen schöngeredete Abzocke zu wehren und nur dann mehr zu bezahlen, wenn tatsächlich ein Mehrwert geboten wird. Beispielsweise bei Eiern, die von Hennen stammen, die sich auf Schweizer Bauernhöfen tummeln, für Früchte und Gemüse aus einheimischem biologischem Anbau, oder Fleisch aus tiergerechter Haltung. Ein solcher ist jedoch bei Produkten wie der Nivea-Creme, dem Bosch-Bohrhammer oder Gardena-Gartenschlauch mitnichten gegeben. Genauso wenig wie bei Badmöbeln, Wannen oder Duschen von Villeroy & Boch, Kaldewei oder, man staune, WC-Systemen des Schweizer Herstellers Geberit. Egal ob in Deutschland oder Österreich angeboten: Sie sind weit günstiger als in der Schweiz. Da lohnt sich gar der Ärger mit dem helvetischen Installateur, der nur die Ware «seines» Schweizer Grosshändlers montieren will.

Der grenzüberschreitende Einkauf boomt, der Internethandel sowieso. Ein Trend, der sich nicht aufhalten lassen wird. Schweizer Anbieter werden sich der Konkurrenz stellen müssen. Der Konsument kann jetzt schon profitieren, ohne sich dafür zu schämen. Denn Sparsamkeit ist ja kein Makel. Im Gegenteil: eine gut schweizerische Tugend.

Und wenn doch, dann sicher nicht in Konstanz

Urs Nobel Zoom

Urs Nobel

Contra: Wer will, der soll. Schuldig ist der Einkaufstourist meist niemandem etwas, wenn er ennet der Grenze weitaus günstiger einkauft als hier in der Schweiz. Aber günstiger einkaufen in Konstanz: nein. Das ist Stress pur und im Endeffekt kaum mehr günstiger als zu Hause.

Lange Jahre war Konstanz ein beliebter Ausflugsort. Wir Männer liebten es jeweils, zu viert nach Konstanz zu fahren und in die verschiedenen Gässchen einzutauchen, um später, wenn die Frauen «lädelen» wollten, in der verkehrsfreien Zone in ein Gartenrestaurant zu sitzen und ein Pils zu trinken.

Zunehmend wurde dieses Erlebnis aber zum Albtraum. Heute bringen mich keine zehn Pferde mehr nach Konstanz. Der Stress fängt schon in Kreuzlingen an. Riesige Autoschlangen bewegen sich Richtung Zoll. Der Autotross bewegt sich nur schleichend auf die deutsche Seite, um danach möglichst oft die Spur zu wechseln oder zu bremsen, weil ein vermeintlich freier Parkplatz gefunden wurde. Schliesslich bleibt dann aber doch nur die Parkgarage mit ihren engen Feldern, die das Ein- oder Aussteigen zur Qual machen. Und dann die Parkgebühren bei der Rückkehr!

In der verkehrsfreien Zone eilen die Menschen – meist sind es Schweizer – wie die Gestörten umher, bleiben unmotiviert stehen, nur weil sie im Laden nebenan noch ein Schnäppchen gesehen haben Die Bahnhofstrasse in Zürich vor und nach der Arbeitszeit lässt grüssen.

Einkehren in Ruhe im Zentrum macht unterdessen auch keinen Spass mehr. Wir Schweizer sind ungeduldig und haben meist noch Spezialwünsche. Möglichst solche, die einen Preisnachlass nach sich ziehen. Man schämt sich dieser Landsleute richtiggehend und vermeidet es tunlichst, sich ebenfalls als Schweizer zu erkennen zu geben.

Einkaufen im Ausland, warum nicht? Es gibt viele gute Gründe dafür. Aber wenn, dann nur, wenn die Einkäufe mit einem Erlebnistag verbunden sind. Ein Ausflug mit einem Bodensee-Schiff und ein Abstecher für ein feines Mittagessen auf der anderen Seite. Warum nicht? Aber einkaufen in Konstanz, nein, danke. So nicht.

 


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