"Über mir brach alles zusammen"

RAUCHEN ⋅ Alois Brändle leidet an der Lungenkrankheit COPD. Die sogenannte Raucherlunge ist weltweit eine der häufigsten Todesursachen. Mit seinen 56 Jahren gehört der Goldacher zu den jüngsten Betroffenen.
21. August 2017, 07:15
Nina Rudnicki

Nina Rudnicki

ostschweiz@tagblatt.ch

«Ich habe mich gewundert, wieso ich im Winter seit Jahren immer so anfällig für Bronchitis und Lungenentzündung war», sagt Alois Brändle. «Aber ich habe nie gedacht, dass es etwas Ernstes sein könnte.» Der ehemalige Hauswart sitzt am Esstisch in seiner Wohnung über einem Kindergarten in Goldach. Durch einen sieben Meter langen Schlauch, der in seine Nase führt, ist Brändle rund um die Uhr mit einem Sauerstoffgerät verbunden. Wenn er nach draussen gehen möchte, dann wechselt er zu einem kleineren mobilen Gerät, das in einen Rucksack passt. Das Haus spontan zu verlassen ist seit einem Krankheitsschub im Januar nicht mehr möglich. «Auf dem Bahnhof rasch umsteigen, schwere Einkäufe nach Hause schleppen oder kurzfristig Ausflüge unternehmen, das alles geht nicht mehr ohne Hilfe», sagt der 56-Jährige.

Fünf Jahre ist es her, dass Brändle die Diagnose COPD erhielt. Die englische Abkürzung steht übersetzt für «chronisch obstruktive Lungenerkrankung» – die auch als Raucherlunge bezeichnet wird. Bis er selbst daran erkrankte, hatte Brändle noch nie von COPD gehört. Durch den Arzt erfuhr er, dass die Krankheit nicht heilbar ist. Dass sie in verschiedenen Phasen verläuft und sich der Zustand von Betroffenen schubweise verschlechtert. Nach der Diagnose konnte Brändle zunächst ohne grosse Einschränkungen weiterleben. Der geschiedene Vater zweier erwachsener Töchter unternahm mit seiner Kamera Ausflüge in die Natur, wanderte und reiste. Einzig aus seinem Einfamilienhaus musste er ausziehen, da dieses mit Holz geheizt wurde. Brändle schaffte es körperlich nicht mehr, das Holz zu tragen. Ausserdem war die rauchige Luft schädlich für seine Lunge.

Von der Afrikareise in die Sauerstofftherapie

Während einer Reise nach Simbabwe im vergangenen Winter erlebte Alois Brändle einen Krankheitsschub. «Der kam völlig unerwartet», sag er. Seine Lunge kollabierte und Brändle musste in einem Spital in Simbabwe während 14 Tagen mit Antibiotika und Kortison behandelt werden. «Es kamen viele Faktoren zusammen, die meine Lunge überanstrengten», sagt er. Da sei zunächst die lange Flugzeit gewesen. Dann habe es einige Tage zuvor einen Buschbrand gegeben, der die Luft belastete. Zudem hatte die Unterkunft ein staubiges Strohdach. «Das alles war zu viel», sagt er. Zurück in der Schweiz, begann er eine mehrwöchige Reha – und eine Sauerstofftherapie. Alois Brändles Ziel und seine Motivation in dieser Zeit waren, wieder vom Sauerstoff wegzukommen, so dass sich sein Körper gar nicht erst daran gewöhnen würde. Als die Ärzte ihm dann aber mitteilten, dass das nicht mehr der Fall sein werde, war das ein Schock für ihn. «Da ist alles über mir zusammen­gebrochen, weil ich nicht wusste, wie sich mein Leben nun verändern würde», sagt er.

Von seinem Schicksal erzählen möchte Brändle, um Raucher zu ermutigen, dass sie jederzeit aufhören können zu rauchen. «Sie bekommen dabei Hilfe, wenn sie es nur wollen», sagt er. Gemäss Fachstellen wie der Lungenliga sind 90 Prozent aller COPD-Betroffenen Raucher. Aber auch genetische Faktoren und Umwelteinflüsse gehören zu den Ursachen. Brändle hatte jeden Tag seit seiner Jugend im Schnitt ein Päckli Zigaretten geraucht. «Das war alles andere als ein Gewinn», sagt er. Denn rückblickend habe er den Eindruck, dass er seit seiner Kindheit eine schwache Lunge habe. Im Sport habe er beim 80-Meter-Sprint zu den Schnellsten gehört, während er einen Kilometerlauf kaum schaffte. Und bei Wanderungen mit der Jungwacht sei er immer zuvorderst mitgelaufen, damit er am längsten Pause machen konnte. «Mit solchen Tricks habe ich meinem Körper über die Jahre antrainiert, mit weniger Sauerstoff auszukommen. Darum habe ich wohl so lange keinen Verdacht geschöpft, dass ich krank bin.» Als Brändle sich schliesslich von einem Spezialisten untersuchen lässt, ist die Krankheit bereits stark fortgeschritten. Der Arzt verordnet ihm einen sofortigen Rauchstopp. «Er sagte zu mir, wenn ich nicht sofort mit Rauchen aufhören würde, behandle er mich nicht», erinnert sich Brändle.

Zwei Anläufe brauchte er, bis er den Entzug mit Hilfe der Rauchstopp-Beratung am Kantonsspital St. Gallen schaffte. «Es war eine harte Zeit. Ich habe sogar nachts von Zigaretten geträumt», sagt Brändle.

Bürojob, Chorgesang – und eine Spenderlunge?

Alois Brändle erhält inzwischen eine volle IV-Rente. Dennoch arbeitet er halbtags bei der Obvita in St. Gallen, der Organisation des Schweizerischen Blindenfürsorgevereins, im Immobilienservice. Das sei zwar ein Bürojob, seinem Beruf als Hauswart sei er damit aber im weitesten Sinne treu geblieben, sagt er. Den Weg zur Arbeit legt er mit seinem Auto zurück, welches für ihn überlebenswichtig ist. Ohne das Auto wäre er sozial isoliert. Alles Unvorhergesehene im Alltag vermeidet er wann immer möglich, weil sich Stress direkt auf die Atmung und die Lunge auswirkt.

Momentan denkt Brändle darüber nach, sich auf die Warteliste für eine Spenderlunge setzen zu lassen. Ein Vorgespräch an der Universitätsklinik in Zürich hat er bereits gehabt. Ausserdem hat er angefangen, in einem Chor zu singen. Singen ist ein gutes Training für die Lunge. «Ausserdem möchte ich am Leben teilnehmen», sagt er.


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