Über 300 Betten sind leer

FLÜCHTLINGE ⋅ Die sechs Asylzentren des Kantons St. Gallen sind nur zu 40 Prozent belegt. Zwei davon werden nun geschlossen, 22 Mitarbeiter verlieren ihre Stelle. Doch bei Bedarf will der Kanton die Unterkünfte wieder öffnen.
06. Juli 2017, 06:57
Adrian Vögele

Adrian Vögele

adrian.voegele

@tagblatt.ch

Der Kanton St. Gallen baut seine Kapazitäten für die Aufnahme von Asylsuchenden ab. Gestern wurden die Mitarbeiter der kantonalen Asylzentren in Wil und im Neckertal darüber informiert, dass die beiden Unterkünfte auf Ende November stillgelegt werden. Die Ursache: Die Zahl der Asylgesuche sinkt. «Das Staatssekretariat für Migration geht für das laufende Jahr von etwa 24 500 Asylgesuchen in der Schweiz aus», heisst es in einer Mitteilung der St. Galler Staatskanzlei. Das sind 2700 weniger als im Vorjahr und 15 000 weniger als 2015. «Heute verzeichnen wir rund 120 Neueintritte pro Monat», sagt Jürg Eberle, Leiter des Migrationsamtes. «Zum Vergleich: Im Winter 2015/16 waren es jede Woche so viele.»

In der Zeit der grossen Flüchtlingsströme auf der Balkanroute betrieb der Kanton teilweise zehn Asylzentren mit Platz für insgesamt über 1000 Personen. Inzwischen sind alle befristeten Unterkünfte geschlossen, so etwa sämtliche Zivilschutz­anlagen. «Wir haben nun noch sechs kantonale Zentren mit knapp 600 Plätzen. Doch auch diese sind zur Zeit nur zu etwa 40 Prozent ausgelastet», sagt Eberle. Dies und die Prognose des Bundes haben nun zum Entscheid geführt, die beiden kleinsten Asylzentren stillzulegen. «Wir werden auch dann noch genügend Kapazitäten haben, falls die Asylzahlen über den Sommer vorübergehend ansteigen», sagt Eberle. Die verbleibenden vier kantonalen Zentren befinden sich in Vilters, Amden, Oberbüren und Eggersriet.

«Kanton ist zu diesem Schritt verpflichtet»

Die Unterkunft Neckermühle bietet Platz für maximal 80 Asylsuchende; sie wurde 1996 eröffnet. Jene in Wil nennt sich «Wohnfoyer» und wurde im Herbst 2014 provisorisch für 50 Personen in Betrieb genommen. Mit der Stilllegung der beiden Zentren verlieren 22 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihre Stelle. «Allen, die im Asylbereich arbeiten, ist klar, dass die Zahl der Asylsuchenden wellenartig zu- und abnimmt und sich das auf den Personalbedarf auswirkt», sagt Eberle. Er führe hierüber regelmässig Gespräche mit den Mitarbeitern in den Asylzentren. Sie wüssten, dass der Kanton verpflichtet sei, die Kapazitäten herunterzufahren, wenn die Welle abnehme. «Wir haben den 22 Betroffenen aber versichert, dass wir sie nicht einfach ihrem Schicksal überlassen.» Es gibt einen sogenannten Rahmenmassnahmenplan, der die Folgen der Kündigungen abfedern soll. Dazu gehört, dass der Kanton die Mitarbeiter aktiv bei der Suche nach einer neuen Stelle unterstützt. Es wird auch geprüft, ob sie in einen anderen Bereich der Kantonsverwaltung wechseln könnten. Für Angestellte, die über 60 Jahre alt sind, ist eine Frühpensionierung möglich. «Das ist bei einer der 22 Personen der Fall», so Eberle. Ausserdem besteht der Kanton nicht auf der Kündigungsfrist, sprich: Wenn jemand eine andere Stelle in Aussicht hat, darf er per sofort wechseln.

Standorte nicht komplett aufgehoben

Ob der Kanton weitere Asylzentren stilllegt, falls die Zahl der Asylgesuche weiter sinkt, ist offen. «Ausschliessen kann ich das nicht», sagt Eberle. Ebenso kann es sein, dass die Unterkünfte in Wil und im Neckertal erneut geöffnet werden, falls wieder deutlich mehr Asylsuchende ins Land kommen. «Wir behalten darum die beiden Standorte, auch wenn sie ab Ende November ausser Betrieb sind.» Für die Entwicklung der Asylzahlen gibt es laut Eberle verschiedene Gründe. So nehme Italien heute viel mehr Flüchtlinge auf als früher – «das Land befindet sich europaweit auf Platz zwei, hinter Deutschland». Auch sei die Balkanroute praktisch geschlossen.

In Vorarlberg befürchtet die Landesregierung derweil, dass sich die Situation demnächst verschärfen könnte. Landeshauptmann Markus Wallner verlangt einen «effektiven Grenzschutz am Brenner», wie es in einer Mitteilung des Bundeslandes heisst. Allein vergangene Woche seien über 10 000 Migranten vor der Küste Italiens gerettet worden. «Wir müssen darauf vorbereitet sein, dass wie im Jahr 2015 plötzlich Tausende Menschen an der Grenze stehen.»


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