Jost Bürgi, das verkannte Genie

LICHTENSTEIG ⋅ Am Samstag fand das zweite Jost-Bürgi-Symposium statt. Über 200 Gäste machten in der Freudegghalle eine Reise aus dem Inneren der Erde bis in den Weltraum.
16. April 2018, 05:17
Sascha Erni

«Jost Bürgi soll an seinem Geburtsort den Platz erhalten, den er verdient hat: einen Platz an der Sonne». Mit diesen Worten eröffnete Stadtpräsident Mathias Müller am Samstag das zweite Jost-Bürgi-Symposium in der Lichtensteiger Freudegghalle. Wie das Toggenburg selbst, sei auch Bürgi lange Zeit unterschätzt worden, sagte Müller. Das wolle das Symposium ändern. Und tatsächlich, die geballte Ladung an Information zeigte eindrücklich auf, welche Rolle die Arbeit dieses Wissenschaftlers aus dem 16. Jahrhundert im modernen Alltag spielt.

Bevor es gemäss des Mottos «Mit Jost Bürgi zu den Sternen» ins Weltall gehen konnte, blieb der erste Teil des Morgens bei der Person und Geschichte Bürgis. Der Uhrmacher und Historiker Günther Oestmann etwa demonstrierte Bürgis feinmechanische Umsetzung von Himmelsmodellen. Wie Bürgi mit Zahnrädern und Federn arbeitete, beeindruckte die Symposiums- teilnehmer ebenso wie der Zürcher Himmelsglobus, den Bernard A. Schüle als Kurator des Schweizer Nationalmuseums im Anschluss bis ins Detail erklärte.
 

Dünkel im Wissenschafts-betrieb des 16. Jahrhunderts

Der Historiker Jürgen Hamel stellte eine Weltpremiere vor: Dass Jost Bürgi über Metalle forschte, war zwar bereits bekannt. Aber die am Samstag erstmals gezeigte Handschrift demonstriere auch, was es mit seiner oft erwähnten «Geheimniskrämerei» auf sich haben könnte. Hamel führte aus, wie Bürgi mangels Lateinkenntnissen kaum eigenhändig publizierte und als «ungebildeter Handwerker» Zensur durch Kollegen und Konkurrenten erlitt. Er ergänzte so auch das Thema der Plagiatsvorwürfe, mit dem sich Fritz Staudachers Eingangsreferat auseinandersetzte. «Jost Bürgi reagierte auf solche Anschuldigungen, wie immer - nur nicht auf sich aufmerksam machen», erklärte Staudacher.
 

Ohne Bürgi kein Schweizer im Weltraum

Im zweiten Teil des Symposiums stand das Jahresthema im Zentrum. Bernhard Braunecker von der Swiss Physical Society hielt einen Vortrag über moderne Messkonzepte und Informationsfluss mittels Laser. Er zeigte auf, wie Bürgis Arbeiten zu Zeit- und Bogensekunde die Kommunikation zwischen Satelliten ermöglichen, und damit so ziemlich alles von GPS bis zur Klimaforschung. Anschliessend erklärte die junge Astrophysikerin Aurora Sicilia-Aguilar, wie die Bildung von Sternen und Planeten mittels Zeitmessung erforscht werden kann, da rein optische Werkzeuge unmöglich ausreichen.

Zum Abschluss gehörte die Bühne ganz Claude Nicollier. Der Astronaut gab mit eindrücklichen Bild- und Videodokumenten sowie seiner unkomplizierten Art Einblick in die Raumfahrt. Auch Nicollier ehrte Bürgi und stellte ihn in eine Reihe mit Grössen wie Keppler und Newton. «Jost Bürgi war ein Genie», sagte er. So stellte er klar – ohne Bürgis Arbeiten gäbe es die moderne Astronomie nicht, und damit auch nicht Nicolliers einzigartige Weltraumkarriere. Trotz des sonnigen Frühlingswetters hatten sich etwas über zweihundert Gäste in der Freudegghalle eingefunden. Wissenschaftlerinnen sassen neben Laien, Hobby-Astronomen neben Satelliten-Ingenieuren. Auch wenn das Durchschnittsalter eher höher angesiedelt war, so zeigten sich doch auch jugendliche Gesichter im Saal. Gerade Studenten hätten aber profitieren können, waren sich viele einig. Neben Claude Nicollier wusste besonders Aurora Sicilia-Aguilars mitreissender Vortrag die Zuschauerschaft zu begeistern. «Das wäre für Gymnasiastinnen wichtig und inspirierend gewesen», raunte es von den Rängen.

Die Wissensvermittlung ist tatsächlich eines der Hauptziele des Jost-Bürgi-Symposiums. «Irgendwann sind alle Wissenschaftler weggestorben, wir müssen das Wissen an die Jungen weitergeben», erklärte auch Rüdiger F. Findeisen im Gespräch. Er hatte in den 1990ern einen Film über Bürgi produziert und so, indirekt, das Jost-Bürgi-Symposium mit ins Leben gerufen (Ausgabe vom 7. April). Das erste Jost-Bürgi-Symposium fand 2016 statt, bis zum dritten soll es aber nicht zwei Jahre dauern: Am 4. Mai 2019 wird sich in Lichtensteig alles um das Thema Zeitmessung drehen.

«Diversität ist wichtig fürs Überleben»

Als erster und bisher einziger Schweizer flog der Astronaut Claude Nicollier ins Weltall. Am Jost-Bürgi-Symposium gab er einen Einblick in die Raumfahrt, die ohne Jost Bürgi in dieser Art nicht möglich wäre.

Claude Nicollier, in Ihrem Referat sagten Sie, dass die Raumfahrt langfristig die Chancen fürs Überleben der Menschheit erhöhen könnte. Was bedroht dieses Überleben?

Claude Nicollier, Astrophysiker und Astronaut. Zoom

Claude Nicollier, Astrophysiker und Astronaut.

Die grösste Gefahr ist ganz klar die eines grossen Meteoriteneinschlags. Es ist sicher, dass das irgendwann geschehen wird. Nicht ob, sondern wann. Wenn sich dann die gesamte Menschheit auf nur einem Planeten befindet, haben wir als Spezies ein Problem. Ich sehe die Raumfahrt entsprechend wie einen weiteren Evolutions-Schritt: aus dem Wasser aufs Land und in die Luft, nun in den Weltraum. Diversität ist wichtig fürs Überleben.

Private Unternehmer wie der von Ihnen erwähnte Elon Musk steigen in die Raumfahrt ein. Wie stehen Sie dazu?

Das ist grossartig, ein neues Kapitel in der Raumfahrtgeschichte! Es finden sich bei Space X viele grosse Talente. Für die NASA ist es ein wichtiger Stimulus, sie wollte diese Entwicklung und hat sie auch aktiv gefördert. NASA und ESA sind auf die Erforschung des Weltraums ausgerichtet, nicht auf Raum-Transport. Mit seinen Marsplänen ist Musk vielleicht zu enthusiastisch, aber in der Raumfahrt-Community geniesst er viel Respekt für das, was er tut. (rb)


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