Benis Olympia-Tagebuch: Unerwartetes Wiedersehen mit Nikolay

EIN TOGGENBURGER AN DEN OLYMPISCHEN SPIELEN ⋅ Mit dem Abfahrtstraining stand für Beni Giger und sein Team der erste Ernstfall an. Dabei kann der Toggenburger Regisseur auf einen russischen Bekannten zählen, den er gar nicht erwartet hatte.
08. Februar 2018, 14:31
Beni Giger
Unsere eigentliche Arbeit hat heute mit dem ersten Abfahrtstraining der Männer angefangen. Es gibt TV-Stationen, die dieses live übertragen. Bei den ersten Produktionen eines solchen Grossanlasses herrscht immer eine grosse Nervosität. Viele Menschen haben auf diesen Tag hin gearbeitet, bis zu vier Jahre lang. Einer von ihnen ist mein Freund Nikolay, der heute Morgen fast nicht ansprechbar war. 


Vom Weltall auf den Abfahrtshang

Beni Giger (Mitte) mit Pistenchef Nikolay (links) und dem langjährigen FIS-Renndirektor Günter Hujara. Zoom

Beni Giger (Mitte) mit Pistenchef Nikolay (links) und dem langjährigen FIS-Renndirektor Günter Hujara.

Nikolay stammt aus Moskau. Ich habe ihn bei den letzten Olympischen Spielen in Sotschi kennen gelernt. Zuvor war Nikolay ein Teilnehmer im russischen Mondfahrtprogramm. Er hat mir erzählt, dass er direkt nach der Schule dort aufgenommen worden sei. In den knapp zehn Jahren, in denen er dort war, hatte er fast keine Freizeit. Jeden Tag besuchte er die Schule und musste viel lernen. Als noch fünf Personen auf der Liste standen, fiel er aus dem Programm und musste seine Ausbildung innerhalb von kurzer Zeit abbrechen. Nikolay wusste nicht, was er machen soll, und hat in Sotschi als Abschnittschef auf der Piste angeheuert. Dort hat er zufällig mit seinem Vater zusammengearbeitet. 

Wir haben uns in Sotschi angefreundet und der Abschied war schwer. Denn ich dachte, dass ich Nikolay nie mehr wiedersehen würde. Umso grösser war die Freude, ihn hier in Pyeongchang zu treffen. Nikolay ist als Chef der Abfahrtspiste angestellt. Er hat rund 200 Leute – die meisten Russen und Koreaner – unter sich und er hat alles im Griff. Er ist immer an der Arbeit und hat immer ein Funkgerät, zwei Telefone und eine Schaufel bei sich. Dank unserer guten Zusammenarbeit haben seine russischen Helfer heute eine Schneemauer gebaut, sodass wir einen lärmigen Motor nicht mehr hören. Mit Nikolay zu sprechen ist eine absolute Bereicherung. Ich glaube, es gibt nichts, das er nicht weiss. Wir schauen oftmals zusammen zum Mond hinauf und ich fragte ihn einmal, ob er nicht lieber dort wäre. «Nein, es ist okay, so wie es ist», antwortete er. Ich weiss jetzt schon, dass mir der Abschied von Nikolay sehr schwer fallen wird. 


«Abefahre» beim «abe fahre»

Nach dem Abfahrtstraining sind Nikolay, der Kurssetzer Hannes Trinkl und ich noch einmal langsam die Strecke hinunter gefahren. Wir haben dabei neue Ideen kreiert. Den Berg hinunter zu fahren, ohne Telefon, ohne Funkgerät und völlig stressfrei – das war einer der besonders schönen Momente. Übrigens, ein Training fürs Fernsehen zu produzieren ist gar nicht so einfach, denn die Athleten fahren einfach herunter und es fehlen die Emotionen. Ich hoffe sehr, dass es bald besser wird, denn einige Nationen, wie die Schweiz, vergeben Startplätze entsprechend den Ergebnissen im Training. So wird Freud und Leid nahe beieinander sein und solche Emotionen sind gefragt. 

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