WC wirbt für Kunst-Ausstellung

Am Wochenende vom 22. und 23. September zeigen die Kunsthallen Toggenburg mit einigen Ostschweizer Kunstschaffenden eine Performance-Ausstellung auf der Alp Sellamatt. Es ist der Abschluss des 7-Jahres-Plans mit verschiedenen Schauplätzen.
11. September 2012, 10:12
HANSRUEDI KUGLER

TOGGENBURG. Ist das nun schon Kunst oder bloss ein Klo? Seit Marcel Duchamps vor knapp hundert Jahren ein Pissoir in eine Pariser Kunstausstellung gehängt hat, ist diese Frage nicht mehr von vorneherein klar zu beantworten. Die Kunstnomaden der Kunsthalle Toggenburg jedenfalls benutzen ein TOI TOI als Hauptsujet ihrer Flyer, die auf ihre kommende Ausstellung Ende September hinweisen. Nicolas Sourvinos vom Kunsthallen-Vorstand aber stellt klar: «Der Eindruck täuscht. Nicht wir haben das TOI TOI auf die Berge gebracht. Es war schon da.» Allerdings ist es ein höchst willkommenes «Objet trouvé» (ein vorgefundenes Objekt). Denn als Leo Morger und Roland Rüegg vom Kunsthallen-Vorstand im Frühjahr auf der Sellamatt das mögliche Ausstellungsgelände sondierten, trafen sie auf diese überraschende, «absurde» Szenerie: Eine Alpweide und mitten drin ein Plastik WC. Da war aber kein Künstler am Werk gewesen. «Das Fotosujet erfüllt trotzdem absolut seinen Zweck, denn es ist ein verwirrendes ästhetisches Wagnis», meint Nicolas Sourvinos. Und weil bei den Arthur-Ausstellungen erst kurz vor Ausstellungsbeginn etwas zu sehen ist, war der Flyer mit dem TOI TOI ein willkommenes Sujet.

«Zweimal pro Woche absaugen»

Aufgestellt wurde dieses TOI TOI von Mathias Güttinger und Andreas Ammann, die zusammen die WC AG in Unterwasser führen – als Nebenerwerb, wie Mathias Güttinger betont. Denn im Hauptberuf ist er Lokführer bei der SOB. Die WC-Kabine auf dem Ausstellungs-Flyer steht seit letztem Jahr neben dem Sagenweg. Es ist längst nicht das einzige auf den Obertoggenburger Alpen. Acht Stück stehen unterdessen auf den Alpweiden, an Wanderwegen und an Parkplätzen – das erste stellten sie vor sechs Jahren am Parkplatz in der Laui Unterwasser auf. Die Bauern hätten sich seit Jahren über die vielen Wanderer beklagt, welche die Alpweiden als Toilette benutzten, sagt Mathias Güttinger. Die Gemeinde Wildhaus-Alt St. Johann hat darauf reagiert und zusammen mit den Bergbahnen und den Alpbesitzern nach und nach die Alpen mit solchen TOI TOI bestückt. So stehen von Mai bis Oktober unter anderem zwei von ihnen am Schwendisee und eines am Klangweg zwischen Sellamatt und Iltios. Sie werden fleissig benutzt: «Bei schönem Wetter müssen wir die TOI TOI zweimal die Woche absaugen und reinigen», erzählt Mathias Güttinger.

TOI TOI sind im Kommen

Den Nebenerwerb hat Mathias Güttinger zusammen mit Andreas Ammann vor 14 Jahren angefangen. Die Feste ihrer Vereine, der Musikgesellschaft und des Unterwasser Action Clubs, seien immer grösser geworden. Die zugemieteten WCs hätten sie bald durch eigene ersetzt. Unterdessen vermieten die beiden ihre TOI TOI im ganzen Toggenburg.

Mit den Kunst-Nomaden der Kunsthallen Toggenburg hat Mathias Güttinger vorläufig nichts zu tun. Dass diese sein TOI TOI ungefragt als Fotosujet benutzen, stört ihn aber gar nicht. Auch wenn ihm bewusst sei, dass «die Künstler diese TOI TOI wohl eher absurd und albern finden». Roland Mettler, Verkaufsleiter der TOI TOI Ostschweiz in Zuzwil, mit dem Mathias Güttinger gelegentlich zusammenarbeitet, bestätigt, dass der Bedarf für WC-Kabinen in den Bergen steige. «Alleine im Engadin stehen rund 350 TOI TOI neben Wanderwegen und Parkplätzen», sagt er. Dort seien die meisten allerdings in Holzverschlägen verborgen. Dies nicht nur aus ästhetischen Gründen: «Weil ein solches WC nur hundert Kilo wiegt, sind sie ein willkommenes Opfer von jugendlichem Übermut oder roher Kuh-Kraft und können relativ leicht umgeworfen werden.» Das bestätigt auch Mathias Güttinger. Die Gemeinde Wildhaus-Alt St. Johann habe unterdessen alle acht TOI TOI auf Gemeindegebiet ebenfalls mit Holzverschlägen gesichert. «So sehen sie gut aus und passen besser in die Landschaft», findet Mathias Güttinger.

Ironische Postkarte

Die WC-Kabine deutet die touristische Postkarten-Idylle ironisch um. An der Ausstellung wird es allerdings nicht als Kunstobjekt eingesetzt. Arthur 7 wird nämlich eine Performance-Ausstellung werden: 90 Minuten Rasenmähen auf der Alp, ein Song zum Thema «Bauer sucht Frau», ein Riesenrad aus Holz, das einen Hügel hinuntergerollt wird – das sind nur einige wenige der Performances, mit denen die Ausstellung am 22. und 23. September über die Alp-Bühne gehen wird.

«Dauerhafte Objekte werden keine zu bestaunen sein», sagt Nicolas Sourvinos. Die Performances kann man in einem Rundgang nacheinander mitverfolgen. Schauplatz von Arthur 7 ist die Alp Sellamatt, Start des Rundgangs ist der Zinggenpub. Von den 13 beteiligten Kunstschaffenden haben aufmerksame Arthur-Besucher schon zwei gesehen: Jan Kaeser und Gisa Franck haben schon an der Iburg-Ausstellung der Kunsthalle mitgewirkt.

Flexiblere Arthur-Zukunft

Warum überhaupt Kunst am Fuss der Churfirsten? «So haben wir es einst im 7-Jahres-Plan definiert, in dem wir möglichst vielfältige Schauplätze bestimmt haben», sagt Nicolas Sourvinos. Nach der Ausgabe 7 will sich der Verein Kunsthallen Toggenburg neu ausrichten. Ziel ist es, flexibler und kurzfristiger auf aktuelle Themen zu reagieren.

So können sich die Toggenburger Kunstveranstalter vorstellen, zum Beispiel bei einem Asylzentrum, der geplanten Sportstätte in Wattwil oder auf dem Pärkli beim Bahnhof Ebnat-Kappel Kunstschaffende für kurzfristige Kunstinterventionen zu engagieren. «Wichtig ist uns, auf öffentliche Debatten mit Kunst reagieren zu können», sagt Nicolas Sourvinos.


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