Vor Neubau eine Woche Kunsthotel

EBNAT-KAPPEL. Seit Jahren sorgt der Verein Kunsthallen Toggenburg für überraschende Kunst-Interventionen – auf der Iburg, in SOB-Wartesälen, auf der Alp Sellamatt. Vom 6. bis 13 Juni verwandelt der Kunstverein das Hotel Post in Ebnat-Kappel in ein Kunsthotel.
03. Mai 2014, 02:45
HANSRUEDI KUGLER

«Tourismusdirektor verlässt entnervt das Toggenburg», «Traditionshotel Post in Ebnat-Kappel weicht Bankneubau» – über diese Schlagzeilen im Jahr 2013 haben auch die Organisatoren des Vereins Kunsthallen Toggenburg die Köpfe geschüttelt.

«Mit unseren Kunstaktionen wollen wir aktuelle Themen aufgreifen und völlig neu beleuchten – humorvoll, zeitgenössisch und hintergründig», sagt Roland Rüegg, Präsident des Vereins Kunsthallen Toggenburg. Er ist selbst Kunstschaffender mit Atelier in Wattwil. Zusammen mit einem knappen Dutzend Kunstbegeisterter organisiert er seit Jahren auch Kunstaktionen. Ausstellungen zwischen weissen Wänden in neutralen Galerieräumen gäbe es schon genug, sagt er. Deshalb lässt sich der Verein nicht nur von aktuellen Themen inspirieren, sondern inszeniert diese dann auch an ungewöhnlichen Schauplätzen. Letztes Jahr widmete sich der Verein dem Traum Wattwils, zur Stadt zu werden. Dieses Jahr lässt sich der Verein nun vom Thema Tourismus anregen und stellt sich Fragen wie: Was macht der Tourismus aus uns Toggenburgern? Wie viel Tourismus verträgt das Tal? Welche Sehnsüchte und Träume bedient der Tourismus?

Kunst inspiriert Tourismus

«Mit diesem Thema tut sich ein weites Feld von Fragen nach Wachstum, Verkehr und Vermarktung, aber auch Sentimentalität oder Erinnerungen auf», sagt Roland Rüegg. Politische Kommentare oder eine Fotogalerie zum Thema Tourismus wären dem Verein aber viel zu wenig. «Für uns war schnell klar, dass wir selbst ein Hotel führen wollen.» Stellte sich nur noch die Frage nach dem richtigen Gebäude. Das Hotel-Restaurant Post im Zentrum von Ebnat-Kappel bot sich als geradezu ideal an. Es dient wie ein Brennglas in diesem Thema. Die Post steht kurz vor dem Abriss. Damit geht eine lange Ära zu Ende. Wo einst Kutschen mit Touristen ins oberste Toggenburg aufbrachen, wird bald der Neubau der Raiffeisenbank stehen. In Ebnat-Kappel, wo vor 35 Jahren noch Weltcup-Skirennen Zehntausende Zuschauer anzogen, verschwindet damit das letzte Hotel. Der Tourismus verabschiedet sich endgültig in Richtung oberstes Toggenburg.

Bei Raiffeisenbankleiter Urban Koller stiess der Vorschlag auf Sympathie. Die Vereinbarung: In der kurzen Zeit zwischen dem Auszug der Mieter und dem Abbruch kann der Kunstverein die Hotelzimmer und das Restaurant samt Inventar nutzen.

Eine Woche Kulturhochburg

Vom 6. bis 13. Juni verwandeln Ostschweizer Künstler rund zehn ehemalige Hotelzimmer in bewohnbare Kunstobjekte. Diese werden selbst zum Reiseziel oder dienen dem Traum des Reisens. Die zu Kunstobjekten umgestalteten Zimmer stehen tagsüber zur freien Besichtigung und für geführte Rundgänge offen. «Man kann einige wie fast normale Hotelzimmer buchen und hier übernachten», erklärt Roland Rüegg. Die Künstler haben die Zimmer besichtigt und werden im Verlauf dieses Monats Projekte einreichen. An den Abenden kocht ein Gastkoch, und ein Kulturprogramm steht auch fest: An einem Poetry-Slam wird ein neuer Tourismusdirektor gewählt, ein Leseabend und ein Filmabend stehen auf dem Programm, ebenso ein moderierter Dia-Abend zum Thema Fernweh und ein Vortrag des Fotografen Lois Hechenbleikner, der sich mit den Veränderungen der alpinen Landschaft durch den Tourismus beschäftigt hat. «Insgesamt dokumentieren wir mit dem Kultur-Hotel selbstbewusst und direkt, dass das Toggenburg eine Kulturhochburg und viel mehr ist als eine Destination für Skitouristen», sagt Roland Rüegg.


Leserkommentare

Anzeige: