Nahtoderfahrung vor dem Abbruch

EBNAT-KAPPEL. Mit einer äusserst dichten, einwöchigen Ausstellung besiegelt der Verein Kunsthallen Toggenburg das Schicksal des Ebnat-Kappler Hotels Post. Mit Gästen, Künstlern und Kakerlaken lebt das «Hotel Arthur» nochmals auf – bevor es dem Neubau einer Bank zum Opfer fällt.
10. Juni 2014, 07:36
MICHAEL HUG

Wird ein Hotel ausgemustert, erzeugt das üblicherweise keine Furore, und wenn, dann nur im kleinen (Besitzer-)Kreis. Wenn es nicht ein ganz aussergewöhnliches Hotel war, zum Beispiel eines aus imitiertem Gold, oder eines auf einer künstlichen Sandbank, weint einem Hotel üblicherweise niemand eine Träne nach. Hop und ex heissts meist für den Abbruchbagger, und hurtig wird ein Neubau hingestellt. Eine Seniorenresidenz vielleicht oder eine Bankfiliale. Beim Hotel Post in Ebnat-Kappel ist das dieser Tage ein wenig anders. Nach 122 Jahren Hotellerie und Gastronomie wird noch einmal tüchtig gekocht, serviert und werden die Kissen der Gästebetten ausgeschüttelt. Und das im Zeichen der Kunst. Was sonst niemand will oder kann, kann die Kunst: das Sterben eines Hotels erlebbar machen.

Hof in der Post

Am Freitag hielt der Verein Kunsthallen Toggenburg unter seinem alter ego «Arthur» Hof in der «Post» und seine Vernissage zum «Hotel Arthur» ab. Ein Dutzend und ein Zimmer hat die «Post», dazu eine gemütliche Gaststube und ein kleines Säli. Alles wurde in die Kunstausstellung mit einbezogen und, naheliegend, vom Thema Tourismus inspiriert. «Mit der Ausstellung und dem Führen des Hotels Arthur soll dem Haus mit seiner langen Tradition ein letztes Mal gehuldigt werden», sagte Roland Rüegg, der Präsident der Kunsthallen Toggenburg, bei der Eröffnungsrede. «Fremdenverkehr hiess der Tourismus zu Zeiten, als die Post noch lief, Fremde verkehrten unter uns. Heute spricht man charmant von Tagestourismus, was aber auch die Schnelllebigkeit ausdrückt: Alles muss in einem Tag erlebt werden.»

Ruhe in Frieden

«Rest in Peace!», meinte dann Hansruedi Kugler, Mitglied im Vereinsvorstand und temporäre Aushilfe am Buffet der «Post», «Ruhe in Frieden heisst das hierzulande.» Kugler sprach von Nahtoderfahrungen, von einem Geisterhaus, von einem Requiem und von einem Tag des Zorns. Doch zornig war an diesem Tag eigentlich niemand, nicht einmal die ehemaligen Wirtsleute Judith und Aristo Sourvinos, die beim Abgang «ihrer» «Post» am Sonntagabend eines letztes Mal die Gäste mit griechischen Spezialitäten bekochten. Damit sei auch erwähnt, dass die Ausstellung «Hotel Arthur» eine ganze Woche dauert, bis zum kommenden Freitag nämlich noch, und in dieser Zeit (ausser am Dienstag) jeden Abend geöffnet ist.

Alles scheint wie gewohnt

Offen zugänglich ist nicht nur die Ausstellung, sondern auch das Gasthaus. Die beiden Dinge laufen sozusagen ineinander über: Über der Gaststube die Ausstellung in den Hotelzimmern, unten in Stube und Säli die Bewirtung der Gäste, ob kunstinteressiert oder nicht, mit kalter und warmer Küche. Alles scheint hier wie gewohnt. Die Regale mit den Gläsern sind voll, das Gestell mit den Schnäpsen ebenso, und der elektrische Tellerwärmer tut seinen stillen Dienst. Doch eigentlich sei in Beiz und Zimmern nichts mehr dagewesen, sagte Daniela Vetsch vom Kunsthallen-Verein: «Wir haben jedes Glas, alles Besteck und die Betten in den Zimmern erst wieder auftreiben müssen.»

Spannen in die Nachbarzimmer

In den 12 Zimmern zeigen Kunstschaffende aus der weiteren Region Ostschweiz ihre Ideen zum Thema Tourismus. Das beginnt bei der Zeltinstallation von Karin Bucher in Zimmer 4, die auch den gelegentlichen Wunsch von neugierigen Hoteliers befriedigt: Das «Spannen» in die Gästezimmer. Die Alpen als Bühne für den Spasstourismus hat der Österreicher Lois Hechenblaikner gewählt. Er zeigt in Zimmer 1 und 2 Auswüchse des Wintertourismus in seiner Heimat. In weiteren Zimmern haben Mirjam Kradolfer, Peter Dew oder Lika Nüssli ihre Beiträge zum Thema gemalt, installiert oder aufgezogen. Manches Zimmer wirkt dabei ungewohnt wohnlich, manches lädt zum Nachdenken ein, gar weitere stossen mit ihren überlebensgross choreographierten Kleinstbewohnern ab.

Doch in einem Zimmer herrscht ungewohnte Lebensfreude: Katja Grässli, in Holland wirkende Tanzpädagogin, hat zum Pinsel gegriffen und Schatten fiktiver Tänzerinnen an die Zimmerwände gezeichnet.

Das Hotel Arthur ist von Mittwoch bis Freitag jeweils von 16 Uhr bis Mitternacht geöffnet. Die Ausstellung ist frei zugänglich, im Restaurant herrscht «normaler» Gastbetrieb. In den Zimmern kann übernachtet werden. Mehr Infos auf: www.kunsthallen-toggenburg.ch

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