Jan Kaeser wäscht die Klostermauer weisser

Eine weisse Klostermauer, die so weiss gar nicht ist. Anlässlich der Vernissage zu «arthur#10» am Samstagnachmittag versucht der St. Galler Künstler Jan Kaeser, die Mauer des Wattwiler Klosters St. Maria der Engel in einen Kontext zu stellen.
21. September 2015, 02:36
MICHAEL HUG

WATTWIL. arthur die Zehnte. Nicht der Zehnte. arthur ist kein Name, sondern Kunst. Deshalb arthur#10, was so viel bedeutet wie die zehnte Kunstausstellung der Kunsthallen Toggenburg, die ihre jährlichen Aktionen unter den verkürzten, sinnigen Titel «Art an der Thur» stellt. An der Vernissage zur zehnten arthur stand eine Mauer im Fokus des Geschehens. «Fokus» ist hierbei nicht nur sinnbildlich gemeint. Tatsächlich konnte (und kann die nächsten Wochen) die Ummauerung des Klosters St. Maria der Engel im Fokus eines Fernrohres betrachtet werden. Wahrscheinlich ist jedoch, dass das Geschehen an der Mauer, beziehungsweise deren Veränderung, in den nächsten Wochen auch ohne Fernrohr offensichtlich wird.

Ein anderes Licht

Die Idee der Mauerveränderung stammt vom Künstler Jan Kaeser. Er hat damit eine Ausschreibung der Kunsthallen Toggenburg, die diesjährige Ausstellung – eben arthur#10 – zu bestreiten, gewonnen. Kaeser möchte die Mauer in ein anderes Licht stellen. Er drapiert die teilweise fast vier Meter hohe Mauer mit einer Anzahl weisser Tücher, fahnengleich, so dass die Mauer, aus entsprechendem Winkel betrachtet, völlig verdeckt wird. «Damit wird die Mauer das Weiss der Fahnen annehmen und ihre naturweisse, verwitterte Farbe verstecken», so der Künstler. Jan Kaeser macht es also weisser, als es ist, verhüllt sozusagen das Dahinter, das nicht so Weisse, allenfalls Graue. Weil die Verhüllung schrittweise geschieht und sieben Wochen dauert, geschieht die Veränderung langsam, Kaeser nennt seine Installation deshalb «Bewegung».

Mauern schaffen Grenzen

Laudator Leo Morger sagte an der Vernissage am Samstagnachmittag auf dem Bräkerplatz: «Mauern schaffen Grenzen. Es gibt ein vor der Mauer und ein hinter der Mauer. Es hängt aber immer vom jeweiligen Standort oder Standpunkt ab, was vor und was hinter der Mauer ist. Genauso stellt sich die Frage, wer sich nun vor wem abgrenzt, versteckt, schützt.»

Das Thema scheint topaktuell, auch wenn die Idee noch vor der aktuellen Flüchtlingsproblematik entstanden ist. Morgers Absicht aber war es, das Kloster ins Zentrum seiner Betrachtungen zu stellen: «Wurden die Klosterfrauen vor den schlechten Einflüssen von aussen geschützt? Oder sollte ihnen die Flucht aus dem Kloster verwehrt werden? Gingen all die jungen Frauen, die Novizinnen, freiwillig ins Kloster?»

Überflüssige Mauer

Die Mauer sei ohnehin überflüssig geworden, so der Laudator weiter: «...weil hier unten nichts ewig ist, wurde vor fünf Jahren das Kloster geschlossen, und die Mauer hat damit ihren Zweck wieder verloren.» Nun hat die Mauer doch wieder einen Sinn erhalten, und sei es, sich darüber Gedanken zu machen. Gedanken darüber, was jetzt hinter den Mauern geschieht (von den derzeitigen Nutzern des Klosters war an der Vernissage niemand anwesend) und was in Zukunft davor passiert (von der offiziellen Gemeinde war ebenso wenig jemand anwesend). Oder was hinter, gemäss Morger, «des Schweizers liebster Mauer, der Thuja-Hecke, geschieht...». Dass etwas geschieht, davon konnten sich die Anwesenden im Anschluss an die Vernissage überzeugen – per Fernrohr oder mit blossem Auge. Jan Kaeser begann mit dem Anbringen der ersten Tücher vor der Mauer. Alle paar Tage werden nun ein paar mehr dazukommen. Am 7. November wird die Installation vollendet sein. Dann findet ein Mauer-Rundgang mit dem Künstler statt. Das Werk kann aber schon ab jetzt jederzeit von nah und fern betrachtet werden.


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