Fremdgehen: diesmal aber richtig

Die 6. Ausstellung «Artur#6» von Kunsthallen Toggenburg heisst «Fremd gehen» und ging tatsächlich fremd. In die Fremde nämlich ins Fürstentum Liechtenstein. Die Vernissage war ausserordentlich gut besucht.
13. September 2011, 01:07
Michael Hug

ESCHEN/toggenburg. Herbert Weber: «Gehe ich fremd, wenn ich mir einen anderen Menschen als meinen Partner genauer ansehe?» Der Ebnat-Kappler Fotograf nimmt an der Arthur#6 teil. «Fremdgehen ist und bleibt eine Sache, die sich ausserhalb von abgemachtem Terrain abspielt und beinhaltet dann per se eine Regelübertretung. Was mich interessiert ist die sehr nebulöse Grenze zwischen korrekt, angepasst, konform und dem Schritt darüber», sagt Herbert Weber.

Metaphern für das Fremdgehen

Es gibt eine ganze Reihe von Metaphern für das Fremdgehen, ein paar ungewöhnliche werden bei der Ausstellung «Fremd gehen» aufgezeigt. Elf Kunstschaffende aus dem Toggenburg – Ein- oder Ausgewanderte – wurden von einer Jury, die aus Toggenburger und Liechtensteiner Vertretern zusammengesetzt war, ausgewählt. Gemeinsam ausgewählt wurde auch der Ausstellungsort: Eine ehemalige Molkerei, die aus Privatbesitz an die Gemeinde überging und zurzeit ungenutzt auf eine neue Verwendung wartet. Das einen etwas heruntergekommenen Eindruck machende Gebäude steht an zentraler Lage und darf nicht abgebrochen werden, da es vor kurzem unter Denkmalschutz gestellt wurde. «Das ist der ideale Ausstellungsraum», bedankte sich der Verein Kunsthallen Toggenburg bei den Gastgebern, «er ermöglicht uns einen starken Kontrast zu den ausgestellten Werken.»

Kunsthallen-Präsident Leo Morger erinnerte daran, dass ihr «arthur»-Projekt als Kunstnomade ein permanenter Fremdgeher ist: «Er besetzt seit sechs Jahren eine bisher künstlerisch unbespielte Lokalität im Toggenburg und zeigt heutige Kunst in einem unkonventionellen Rahmen.» «arthur» ginge auch beim sechsten Mal fremd, «aber diesmal richtig fremd». Die Vernissage am Samstag war ausserordentlich gut besucht und auch der Gemeinderat Eschen schickte einen Vertreter.

Sexuell nicht mehr zufrieden

Daniela Vetsch Böhi, die sich zwei Monate als «Dalia» in einschlägigen Chatrooms bewegte, hat rund 30 000 Textzeilen aufgezeichnet: «80 Prozent meiner Gesprächspartner waren in einer festen und glücklichen Beziehung, aber sexuell nicht mehr zufrieden.» Daniela Vetsch-Böhi zeigt einen Auszug ihrer Gesprächsprotokolle im roten Wohnwagen vor der Molkerei. Befremdend wirken die Bilder der in Wattwil lebenden Zürcherin Nadja Haefeli. Sie malte «verbotene» Verbindungen: Früchte und rohe Fleischstücke, mitunter offene Wunden am Körper: «Ich male vom Zusammenbringen unverwandter Dinge.» Marcello Pirrone aus Hemberg führte das Publikum in einen fast völlig abgedunkelten Raum, die «Stardust Lounge»: «Mit meiner Installation schaffe ich eine Situation, in der der Betrachter in einen anderen Zustand entrückt wird – fremd geht. Er taucht in diesem kleinen dunklen Raum in die unendliche Weite des Universums.»

Fremd durch fremd gehen

Die Toggenburgerin Rahel Müller und die Deutsche Melanie Tauscher malte den Tiger «Woods» in Lebensgrösse: «Der berühmte Golfspieler, Einlocher und Fremdgänger, er steht im Wald, der Tiger im Wood, und er wird allen fremd durch sein Fremdgehen.» Das Spektrum der Ausstellung ist breit, es sind Malende, Multimedia- und Objektkunstschaffende und Fotografierende stellen aus.

«Fremd gehen», alte Molkerei in Eschen FL, bis 25. September. Freitag und Samstag von 15 bis 20 Uhr offen sowie Sonntag von 13 bis 17 Uhr. Führungen am 17. und 24 September www.kunsthallen-toggenburg.ch

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