Sie schaut über den Tellerrand

ISTIGHOFEN ⋅ Desirée Germann hat ein soziales Praktikum in Bolivien absolviert. Während ihres Aufenthalts lernte sie nebst der neuen Kultur auch sich selber besser kennen.
08. Juni 2017, 07:08
Iliana Perera

Iliana Perera

iliana.perera@thurgauerzeitung.ch

Sie sehnte sich nach einer Veränderung. Desirée Germann arbeitete vor ihrem Auslandsaufenthalt drei Jahre in einem Grosskonzern in Zürich. «Ich wollte Zeit in eine Arbeit investieren, die meinen Mitmenschen zugutekommt und einen positiven Impuls gibt.» Spanischkenntnisse besass die 28-jährige Marketingprojektleiterin vor ihrer Reise nach Bolivien bereits. Das Land und die dortige Kultur waren Desirée Germann anfangs aber noch sehr fremd.

Durch ihre Tante ist die Istighoferin auf Comundo (siehe Kasten) gestossen. Die Organisation erfüllte ihre Kriterien, mit der lokalen Bevölkerung zusammenzuarbeiten und eine andere Kultur kennen zu lernen. «Die Praktikanten werden während der drei Monate begleitet und gut betreut, was mir sehr wichtig war», sagt Germann. Vor Antritt des Auslandeinsatzes besuchten die Praktikanten drei Vorbereitungswochenenden in der Innerschweiz. Dabei erfuhren sie unter anderem, was Entwicklungszusammenarbeit bedeutet und wie sie mit interkulturellen Konflikten umgehen können.

Enge Zusammenarbeit mit Einheimischen

Desirée Germann lebte und arbeitete während ihres Praktikums in Cochabamba, mit 600000 Einwohnern die viertgrösste Stadt Boliviens. Dort wohnte sie bei zwei Fachpersonen, die für die Organisation Fundare arbeiten, in welche auch Desirée Germann während ihres Einsatzes eingebunden wurde. Aufgrund des beruflichen Hintergrundes widmete sich die Schweizerin dem Marketing von Fundare. Zu diesem Zeitpunkt gab es noch niemanden, der sich bei der Organisation darum kümmerte. «Für Fundare schrieb ich einen Marketingplan, analysierte die Ziele , Zielgruppen, Botschaften und Kanäle», sagt Desirée Germann. Sie arbeitete in einem Team mit vier Bolivianern. Durch den täglichen Kontakt lernte sie die dortige Arbeitskultur rasch kennen. Obwohl Germann stets positive Rückmeldungen auf ihre Arbeit bekommen hat, macht sie sich dennoch etwas Sorgen, wie viel davon nach ihrer Abreise zurückbleiben wird. Das Ziel personeller Entwicklungszusammenarbeit sei, dass die Arbeit nachhaltig sei und von der Bevölkerung weitergeführt werde. «Ich finde es schwierig abzuschätzen, was die Bolivianer von meiner Arbeit bei Fundare weiterführen werden und wie viel nur von mir getragen wurde», sagt Germann.

Auch wenn sich die bolivianische Kultur sehr stark von der schweizerischen unterscheidet, konnte die Praktikantin auch Ähnlichkeiten feststellen. «Ich habe die Bolivianer als sehr freundliche und zurückhaltende Personen kennen gelernt», sagt Germann. «Darin sind sie den Schweizern ähnlich, und ich fühlte mich daher rasch wohl.» Grosse Unterschiede zeigen sich hingegen in der Wichtigkeit der Familie. «Es ist normal, mit 28 Jahren noch bei den Eltern zu wohnen.» Zudem sei es sehr ungewöhnlich, alleine zu leben. Normalerweise wohnten in Bolivien mehrere Generationen unter einem Dach. Die Gemeinschaft zähle mehr als die Selbstverwirklichung eines Individuums. «Die eindrücklichsten Erlebnisse waren die Einblicke in den echten bolivianischen Alltag», sagt Desirée Germann. Fliessendes und warmes Wasser hat sie zu schätzen gelernt und auch realisiert, wie viele Dinge wir in der Schweiz besitzen, die wir doch nicht wirklich benötigen. Sie hofft, diese Einfachheit in die Schweiz mitnehmen zu können. Ein Leben in Bolivien könne sich die junge Frau jedoch nicht vorstellen. Dafür sei die Entfernung zu ihrer Familie und ihren Freunden schlicht zu gross.

Eine von Germanns Sprachlehrerinnen, welche die Schweiz gut kenne, sagte einst zu ihr: «In Bolivien ist alles möglich, aber nichts ist sicher. In der Schweiz ist alles sicher, aber nichts ist möglich.» Für die Praktikantin liegt darin ein Fünkchen Wahrheit. «Ich finde, die Schweiz könnte sich etwas von der Spontaneität Boliviens abschauen.»


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