«Das hat mich schockiert»

MÄRSTETTEN ⋅ Die Poststelle im Dorf steht kurz vor der Schliessung. Gemeindepräsident Jürg Schumacher hält die Kriterien der Postcom für praxisfremd.
12. Februar 2018, 15:11
Werner Lenzin

Werner Lenzin

weinfelden

@thurgauerzeitung.ch

Im vergangenen Jahr haben sich 230 Bewohnerinnen und Bewohner mit ihrer Unterschrift für den Erhalt der Poststelle Märstetten eingesetzt. Gemeindepräsident Jürg Schumacher erzählt, was seither passierte.

Jürg Schumacher, wie sind die bisherigen Verhandlungen mit der Post gelaufen?

Die Post ist verpflichtet, vor der Schliessung von Poststellen ein Gespräch mit den Gemeindebehörden zu führen. Im Oktober 2017 hat deshalb eine erste Aussprache mit zwei Vertretern der Post stattgefunden. Üblicherweise kommt einem solchen Treffen eine reine Alibifunktion zu, da die Rahmenbedingungen für die Weiterführung einer Poststelle dermassen klar und eng definiert sind, dass schlicht kein Verhandlungsspielraum besteht. Anfangs Februar 2018 hat noch ein zweites Treffen stattgefunden, an welchem erneut signalisiert wurde, dass sich eine Schliessung unabhängig der angekündigten Gesetzesänderungen kaum wird verhindern lassen, weil die Postcom aufgrund der heutigen Gesetzeslage zu entscheiden hat. Die Gespräche mit der Post sind aber noch nicht abgeschlossen.

Als Nachkomme einer Pöstlerdynastie muss Ihnen die Erhaltung der Poststelle am Herzen liegen. Welche weiteren Schritte haben Sie diesbezüglich unternommen?

Bereits meine Ururgrossmutter Elise Schumacher-Altwegg war ab dem Jahr 1855 als Posthalterin in Märstetten tätig. Danach folgten weitere drei Generationen. Ich engagiere mich deshalb auch auf politischer Ebene sehr für einen Beibehalt wichtiger und gut erreichbarer Poststellen.

Stimmt es, dass gemäss Bundesrat und Post keine Poststelle gegen den Willen der Gemeinde geschlossen werden darf?

Dem ist leider nicht so. Der Gemeinde steht lediglich ein Beschwerderecht bei der Postcom zu. Bisher wurden aber fast alle Beschwerden abgewiesen. Zudem stützt sich die Postcom auf völlig unsinnige Kriterien ab.

Was sind das für Kriterien?

Gemäss Postcom muss eine Poststelle für die umliegenden Gemeinden innert maximal 20 Minuten mit dem öffentlichen Verkehr (öV) erreichbar sein. Das Kriterium der Erreichbarkeit mit dem öV ist dermassen welt- und praxisfremd, dass diese Voraussetzung unbedingt geändert werden muss.

Wieso sollten die Voraussetzungen geändert werden?

Für 29 von 34 künftig «postlosen» Dörfern in unserer Region ist Märstetten bezüglich Erreichbarkeit mit dem Auto besser gelegen, als die gemäss Post zu erhaltenden Postbüros in Weinfelden, Kreuzlingen und Müllheim. Für über 85 Prozent der betroffenen Ortschaften wäre Märstetten also die bessere Lösung. In dieser Bewertung ist das Problem der fehlenden Parkplätze in Weinfelden und Kreuzlingen noch nicht einmal berücksichtigt. Ebenso müsste die Berechnungsgrundlage für die Rentabilität der Poststellen angepasst werden.

Inwiefern?

Für die Rentabilitätsberechnungen der Post ist nur der Umsatz mit der privaten Wohnbevölkerung massgebend. Die wichtigen Umsätze mit Gewerbe, Industrie, Dienstleistungsbetrieben und Verwaltung werden komplett ignoriert. Das hat mich besonders schockiert. Dies ist gerade bei unserer Gemeindestruktur mit rund 170 Firmen absolut unverständlich. Allerdings steht es den Gemeinden gemäss aktuellen Entscheiden der Postcom nicht zu, die Rentabilität einer Poststelle zu hinterfragen. Ebenso ist eine Mitfinanzierung ausgeschlossen.

Unternimmt der Gemeinderat alles, um die Poststellenschliessung zu verhindern?

Der Gemeinderat ist der Ansicht, dass alles gegen die Schliessung unternommen werden muss. Märstetten ist verkehrstechnisch hervorragend gelegen und für rund 10000 Einwohner aus dem Kemmental, vom Seerücken und vom Wellenberg mit dem Auto innert weniger Minuten erreichbar. Der Gemeinderat wird das in der nächsten Sitzung nochmals thematisieren.


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