Archäologie zur Pasta

WEINFELDEN ⋅ Marcel Preiss zeigt eine Sammlung jungsteinzeitlicher Funde von Willi Seger im Restaurant Giusi’s. Die Pfeilspitzen und Steine aus dem Untersee fanden über viele Umwege ihren Platz in einer Vitrine.
13. April 2018, 06:40
Mario Testa

Mario Testa

mario.testa@thurgauerzeitung.ch

Archäologin Irene Ebneter hält 5000 Jahre Geschichte in ihrer Hand. Es ist zwar nur ein Stein, aber geschliffen zur Beilklinge ein Zeuge für das handwerkliche Geschick der Menschen in der Jungsteinzeit. Die Klinge gehört zu einer Sammlung von insgesamt etwa 150 Pfeilspitzen, Bohrern oder Schabern, die vorgestern ihren Platz in einer Vitrine in «Giusi’s Bistro» in Weinfelden gefunden haben.

Gefunden hat all die Silex-, Stein- und Knochenteile der Weinfelder Lehrer Willi Seger. Als Bub in den 1920er-Jahren lebte er in Ermatingen und watete in den Wintermonaten jeweils mit Benzinkanistern als Stiefelersatz in den flachen Untersee hinaus zur ehemaligen Pfahlbausiedlung Westerfeld. Dort sammelte er all die jungsteinzeitlichen Stücke, um sie im Sommer den Touristen zu verkaufen. Einige hat er behalten und später als Lehrer in Weinfelden für den Unterricht verwendet, teilweise auch wieder mit Holz und Horn zu Beilen und Schabern verarbeitet. Über seine Sammeltouren schrieb der 2006 verstorbene Willi Seger einen Bericht. «Faszinierend, wie Seger als Bub all diese Funde gemacht hat», sagt Irene Ebneter. «Es sind interessante Stücke darunter.»

Fundstelle ist heute gar nicht mehr zugänglich

Zwei Pfeilspitzen aus Bergkristall haben es der Leiterin der Sammlungen und Archive im Amt für Archäologie Thurgau besonders angetan. «Das ist sehr seltenes Material für diese Gegend. Da stellt sich die Frage, wie es überhaupt an den Untersee kam. Ich gehe nicht davon aus, dass diese zwei Spitzen wirklich für Pfeile verwendet wurden, dafür waren sie schon damals zu exklusiv.» Dankbar für die Funde ist Ebneter auch deswegen, weil das Gebiet Westerfeld heute gar nicht mehr zugänglich ist. Der ehemalige Seebereich wurde mit Deponiematerial zugeschüttet.

Ebneter hat die ganze Sammlung in den letzten zwei Jahren inventarisiert und ausgewertet. Auf die Stücke gestossen war sie, als sie für eine Besprechung mit Marcel Preiss in «Giusi’s Bistro» vorbeikam. Preiss hatte die Sammlung, die nach dem Tod von Willi Seger über Umwege in den Händen seines Vaters Adolf gelandet waren, im Restaurant in einer Vitrine ausgestellt. «Als ich die Sammlung zum ersten Mal sah, bin ich fast ausgeflippt», sagt Adolf Preiss. «Ich durfte sie mit einem Mitsammler für einen symbolischen Preis kaufen.»

Wenn auch nicht ausgeflippt, aber doch mit Erstaunen, nahm die Archäologin Irene Ebneter von der Privatsammlung Kenntnis. «Die Stücke gehören wie alle archäologischen Funde auf Kantonsgebiet dem Thurgau», sagt sie. Trotzdem gibt sie die Sammlung nun für ein Jahr zurück an Adolf Preiss. «Hauptsache es ist alles da und die Sammlung ist inventarisiert. Auch wir sind interessiert an der Ausstellung.»

Marcel Preiss stellt die Stücke nun wieder in «Giusi’s Bistro» an der Frauenfelderstrasse aus. «Ich bin immer interessiert an Sammlerstücken für spezielle Ausstellungen. Sie müssen nur etwas mit Weinfelden zu tun haben», sagt der Hauseigentümer.


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