Der Weinfelder Schuhmacher hat neue Sorgen

WEINFELDEN ⋅ Schuhmacher Antonio Mente verlor vor einem Jahr sein ganzes Hab und Gut. Ein Brand zerstörte sein Wohnhaus und die Werkstatt. Nun legen Schadstoffuntersuchungen den Wiederaufbau auf Eis.
01. Dezember 2017, 19:50
Sabrina Bächi
Alle waren bereits in weihnachtlicher Vorfreude, als am 22. Dezember vergangenes Jahr die Sirenen heulten und dicker, schwarzer Rauch im Zentrum von Weinfelden aufstieg. Die Schuhmacherei Mente brannte. Antonio Mente und seine Familie verloren alles. «Wir mussten Weihnachten im Hotel verbringen, es war schrecklich», sagt Antonio Mente. Knapp ein Jahr nach dem Unglück steht er hinter dem Tresen seines Übergangsgeschäftes und kümmert sich beflissentlich um die Lieblingshausschuhe eines Kunden. Wann er denn wieder in seiner alten Werkstatt sei? Eine Frage, die der Schuhmacher jeden Tag beantworten muss. «Ich weiss es nicht», ist das Einzige, was er sagen kann. Das Baugesuch für die Instandsetzung seines Hauses wurde vom Amt für Umwelt sistiert. Der Grund: Untersuchungsbohrungen auf belastende Stoffe.
 

Im Haus war früher eine Reinigung

«Das Haus von Herrn Mente wurde schon 2009 in den Kataster der belasteten Standorte aufgenommen», sagt Martin Eugster, Abteilungsleiter Abfall und Boden beim Amt für Umwelt. «Die Untersuchungen haben nichts mit dem Brand zu tun, die hätte Herr Mente als Grundeigentümer bis im Frühling 2018 sowieso durchführen müssen.» Denn dort, wo vor einem Jahr noch das Schuhmachergeschäft florierte, stand ab 1820 eine Gerberei und von 1920 bis 1972 eine Färberei und Chemische Reinigung. Die Untersuchungen sind zeitintensiv. Nach ersten Bohrungen im Boden ist man auf Schwermetalle und andere Schadstoffe gestossen.

In den nächsten Tagen werden deshalb weitere Bohrungen durchgeführt, die bis ins Grundwasser gehen. «Es braucht zwei Untersuchungen bei unterschiedlichem Wasserstand, damit man die Gefährdung des Grundwassers abschätzen kann», sagt der Experte. Die zweite Grundwasserbeprobung wird aber voraussichtlich erst im Frühling stattfinden. «Wir kennen die Situation und bearbeiten den Fall so schnell es geht, aber die Untersuchungen nehmen viel Zeit in Anspruch.»
 

Sanierungsbedarf muss geklärt werden

Antonio Mente ist verzweifelt.  Existenzängste plagen ihn. Er muss zusätzliche Mieten für Wohnung und Geschäft bezahlen und die Bohrungen als Eigentümer auch finanzieren. «Das Haus zu kaufen war ein Fehler. Es hat mir zweifach Unglück gebracht», sagt Mente, «zuerst mit dem Brand und jetzt mit den Bohrungen.» Er wirkt niedergeschlagen, fühlt sich verloren und sehnt sich nach seinem Zuhause. «Ich habe beim Brand nicht nur meinen Optimismus, sondern auch meine Existenz verloren», sagt er. Eigentlich freute er sich schon auf den Wiederaufbau, das Amt für Umwelt hat diesen jedoch gestoppt. «Solange wir nicht wissen, ob das Haus einen Sanierungsbedarf hat, kann kein Neubau erstellt werden», sagt Martin Eugster.

Wenn die Grundwasserproben einen gewissen Grenzwert übersteigen, so müsste das Amt weitere Untersuchungen  und Sanierungsmassnahmen anordnen. Sind die Abklärungen erst einmal vorüber, gilt es noch zu klären, wer die Kosten übernimmt. «Nach dem Verursacherprinzip muss Herr Mente als Grundeigentümer etwa 10 bis 30 Prozent der Kosten übernehmen», sagt Eugster. Wird keine Rechtsnachfolge der vorherigen Geschäfte gefunden, so müssten Gemeinde und Kanton die Kosten übernehmen. 

Bis dahin bleibt Schuhmacher Antonio Mente nur das Warten übrig. Auch wenn die Situation immer noch schwierig ist, hofft er auf schönere Weihnachten als vergangenes Jahr.

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