Tagblatt Online, 27. April 2012 01:04:29
Zwei Steps für Steckborn
Also sprach Zarathustra. Zu Strauss' Musik tanzen Moo Kim, Tobias Draeger und André Soares in Helena Waldmanns Glücksmanege. (Bild: pd/Daniel Josefsohn)
Was ist Glück? Das fragt Helena Waldmann, die mit ihrer Truppe am Samstag in Steckborn auftritt. Die temporeiche, tänzerische Antwort öffnet einen Raum zwischen gesellschaftlichem Anspruch und persönlicher Erfahrung. Am Montag zeigen zehn junge Tänzer ein Bild ihrer Generation.
DOROTHEE KAUFMANN
STECKBORN. «Glück ist das Gefühl, lebendig zu sein», sagte Choreographin Helena Waldmann im Publikumsgespräch nach der Zürcher Aufführung des Tanzfestivals Steps. Die Berliner Tanzregisseurin spürt dem Thema Glück mit vier eigens für diese Produktion ausgesuchten Tänzerpersönlichkeiten nach, die in ihrer Verschiedenheit für unsere Gesellschaft stehen können: der portugiesische «Kinski» André Soares als Strahlemann; die Ballettsolistin Brit Rodermund (Tänzerin des Jahres 2011), die freilich eine geglückte Tanzkarriere lebt, nun aber auch das Brüchige darstellen kann; Tobias Draeger als sensibler Verweigerer des Mainstreams; der Koreaner Moo Kim als geballte Energie, Körperbeherrschung, aber auch als Protagonist des Minimalismus.
Strauss in der Glücksmanege
Mit tänzerischem Können, mit dem Tempo amerikanischer Rhythmen der 20er- bis 50er-Jahre und mit einer gewissen Erbarmungslosigkeit füllen die Tänzer den Anspruchsraum der Bühne, symbolisiert durch eine runde Glücksmanege, Glimmer und ein Erfolgstreppchen.
Zum Auftakt des Abends lässt die bombastische Strauss-Musik aus «Also sprach Zarathustra» die Glamourerwartungen ins Unendliche steigen und öffnet schon einmal die Hintertür für Nietzsches Kulturkritik. Umso skurriler kommt der Charleston-Walk daher, den Soares und Draeger in symbiotischer Perfektion mit Dauerglückslächeln vorexerzieren. Beide rasten in ihrer Tanzrolle so perfekt ein, als wäre diese symbiotische Doppelung der Urzustand des Menschen – eine Anspielung auf die griechische Mythologie?
Salven von Spagaten
Als einzeln in die Welt geworfene Wesen jedoch ringen die Tänzer nun um das menschliche Gelingen, die Anerkennung, die Erfüllung des Anspruchs. In rascher Abfolge werden dem Publikum hier ganze Salven von opferbereiten Spagatposen serviert, das Um-sich-selbst-drehen bis zur Erschöpfung und der feine Grat des Kippens zwischen authentisch getanzter, erfahrener Freude und erwartetem Glücksanspruch.
Dabei wird die Glücksmanege der Gesellschaft Schritt um Schritt brüchig, unglaubwürdig und hinterfragbar. Ironie, Angst und Wut blitzen hier schon einmal durch. Schliesslich wird die Distanz zum eigenen Tun offenbar, Musik und Tanz, Moment und Erleben lösen sich voneinander, Worte des Noch-nicht oder Nicht-mehr einer Erfahrung werden eingeblendet: Das Glück kommt in fünf Sekunden, die Angst ist seit drei Minuten vorüber.
Provokant bis pädagogisch
Helena Waldmann geht so weit, über den multimedialen Trick der Texteinblendung am Ende rebellisch, provokant und ein bisschen pädagogisch die Freiheit und Selbstbestimmung des Menschen über den eigenen Tod einzufordern. Hier ist anzumerken, dass die Idee zur Produktion «Glückstück» aus dem ernsten Thema des grossen Vergessens – der Demenz – entstanden ist. Gewiss, angesichts der Endlichkeit kann jeder Moment ein Geschenk sein.
Wir wissen jetzt, wogegen dieser Tanzabend rebelliert, und sind nachdenklich geworden. Aber sind hier die ureigenen Möglichkeiten des Tanzens beziehungsweise der Körperarbeit in Bezug auf das Thema Glück positiv ausgeschöpft worden? Ein spannendes Thema, nicht nur bei diesem Tanzabend.
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