Tagblatt Online, 27. Juni 2011 12:04:27
Wenn Kunst ein ganzes Dorf betrifft
Ein Teil von Pfyn – von der Frau Gemeindeammann bis zum evangelischen Dorfpfarrer – steht nur bei diesem Bild im Regen, nicht aber mit ihren Ideen. (Bild: Nana do Carmo)
Wenn Kunstschaffende sich auf einen produktiven Dialog mit der Öffentlichkeit einlassen, dabei die Urheberschaft für ihre Kunst an das Gemeinwesen übertragen, entsteht demokratische Kunst. In der Kulturhauptstadt Pfyn zum Beispiel in Form einer Bibliothek.
mathias frei
pfyn. Die «Demokratischen Kunstwochen – democratic art weeks» in der Kulturhauptstadt sind eröffnet. Am Montagabend ist mit Fatma Hendawy Yehia aus dem ägyptischen Alexandria die erste Künstlerin im beschaulichen Flecken Pfyn angekommen.
«Relational Aesthetics» oder «Relational Art» bezeichnet Kunst, die eine soziale Lebenswelt erzeugt, dabei sowohl die Künstler als auch das Publikum als Körperschaft verstehen, welche gemeinsam und subjektiv Bedeutung schaffen. Oder: demokratische Kunst.
Handbuch für die Zukunft
Fatma Hendawy Yehia ist Künstlerin und Kuratorin der weltbekannten Bibliothek von Alexandria. Die Evangelische Kirchgemeinde Pfyn will mit Hendawy zusammen einen nachhaltig wirkenden Speicherort für Wissen schaffen. Im Vordergrund steht ein Prozess- und Organisations-Handbuch für das Archivieren von Wissen, auch in technischer Hinsicht. Ein solches Handbuch müsse alltägliches Arbeitsinstrument werden, sagt Ueli Zuberbühler, Präsident der Evangelischen Kirchgemeinde Pfyn. Daneben soll es auch eine physisch zugängliche Bibliothek geben. Zur Zeit besteht wohl eine kleine Schulbibliothek. Zudem befinden sich Archive der Politischen Gemeinde, der Bürger- und der Kirchgemeinden im Zivilschutzbunker der Pfyner Trotte. Eine systematische und öffentlich zugängliche Sammlung von Pfyner Zeitdokumenten ist noch Zukunftsmusik. Aber es könne mit einem Bücherregal und und einem Huggenberger-Gedichtband seinen Anfang nehmen, so Alex Meszmer, der zusammen mit Reto Müller das Kuratorium der Kulturhauptstadt Pfyn koordiniert. Ein artverwandtes Bibliotheksprojekt im Sinne einer sich ständig aktualisierenden Dorfchronik haben Meszmer und Müller schon mit dem Zeitgarten realisiert.
Neue Urheber
Die demokratischen Kunstwochen sind mitunter auch als innovativer Ansatz in Sachen Gemeinde-Entwicklung zu verstehen. Die Künstler bringen Ideen nach Pfyn, erarbeiten zusammen mit der Bevölkerung Projekte, welche als «work-in-progress» im Dorf präsentiert werden. Demokratische Kunst nutze den öffentlichen Raum, gehe dabei aber über das herkömmliche Verständnis von Kunst im öffentlichen Raum hinaus, sagt Meszmer. Demokratische Künstler verstünden sich vielmehr als Katalysatoren. Denn durch die Interaktion mit der Öffentlichkeit finde immer auch eine Verschiebung der Urheberschaft statt. Für Meszmer und Müller ist demokratische Kunst damit auch Teil eines Geschichtsbildungs-Prozess, der auf kollektiven, sozialen Erinnerungen aufbaut und zugleich jedes Individuum im partizipativen Sinne in die Verantwortung von Geschichte-Machen nimmt.
Entschuldigung, Pfyn
Die Initiativen, welche die zehn Kollektive oder Einzelkünstler bis kommenden Januar in Pfyn entwickeln lassen, sind diverser Natur. Zum Beispiel schafft der Italiener Stefano Pasquini mit Pfyner Handwerkern zusammen eine Holzskulptur, mit der er sich für die Besetzung des antiken Ad Fines durch die Römer entschuldigen will. Meris Schüpbach bringt Jugendliche aus dem Berner «Problemquartier» Tscharnergut nach Pfyn und lässt sie zusammen mit gleichaltrigen Pfynern neue Heimatbilder entwerfen. «pw-Projekte» aus Stuttgart sammeln in Pfyn Handyfilme, während der Appenzeller Matthias Kuhn im Erzählen von Geschichte und Geschichte aktiv sein wird. Soziokulturell wirken wird Ana Laura Lopez de la Torre, die einen Austausch von jugendlichen Botschaftern zwischen London-Brixton und Pfyn organisiert. Die Zürcher «interpixel» haben in der Vergangenheit schon mit einem sozialen Monopoly-Spiel auf sich aufmerksam gemacht. Marina Belobrovaja (Zürich) arbeitet aktionistisch. Zum Beispiel hat sie bei den letzten Swiss Art-Awards ein kontrovers gehandeltes Wettbüro organisiert.
So oder so: Meszmer und Müller sprechen sich für ein interdisziplinäres demokratisches Kunstschaffen aus, das konträr ist zum gegenwärtigen Kunstmarkt, der Einzelkünstler überhöht und auf einem antiquierten Kunstverständnis aus dem 19. Jahrhundert fusst. Denn Demokratie sei eigentlich der beste Exportartikel der Schweiz, so Meszmer/Müller.
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