Tagblatt Online, 02. Juni 2012 01:05:31
Kein Kulturinfarkt im Thurgau
Vom Kanton gefördert: Tobias Engeli, Bettina Mürner, Valentin Magaro, Alexa Vogel, Herbert Kopainig und Hannes Brunner (v. l.). (Bild: Nana do Carmo)
Im Kulturforum Amriswil sind vorgestern die diesjährigen sechs Förderpreise vergeben worden. In ihrer Ansprache unterstrich Regierungspräsidentin Monika Knill das wichtige Prinzip der Subsidiarität in der regionalen Kulturförderung.
MARTIN PREISSER
AMRISWIL. «Das macht unheimlich Spass», freute sich der Künstler Hannes Brunner und meinte damit seinen mit 25 000 Franken dotierten Förderbeitrag des Kantons. «Ich gebe mir weiterhin Mühe», versprach die junge Künstlerin Bettina Mürner, die ebenfalls geehrt wurde und ihren Preis dafür einsetzen will, ihrem grossen digitalen Bilderfundus eine adäquate Präsentationsform zu geben. «Geschenkt sind die Förderbeiträge nicht», sagte René Munz, Chef des Kulturamts, und verwies auf die Arbeit der 15köpfigen Jury. 6 von 31 Bewerbungen hielten für die diesjährigen sechs Förderpreise in der Gesamtsumme von 150 000 Franken der kritischen Prüfung durch die Experten stand.
Die frischgebackene Regierungspräsidentin Monika Knill ging in ihrer Ansprache vor zahlreichem an Kultur interessiertem Publikum im Amriswiler Kulturforum – nicht überraschend – auf die Diskussion um den Kulturinfarkt ein, die ein Buch ausgelöst hat, an dem auch der scheidende Pro-Helvetia-Chef Pius Knüsel als Autor zeichnet.
Mehrheit für Kultur
«Mehr Quantität in der Kultur bedeutet nicht automatisch mehr Qualität», gab die Chefin des Departements für Erziehung und Kultur zu. Sie hielt das Subsidiaritätsprinzip, nach dem zuerst Private und Gemeinden und dann erst der Kanton bei der Finanzierung von Kultur gefragt seien, für ein wirksameres Rezept gegen den Kulturinfarkt als einfach eine Halbierung beispielsweise der Museen. Die Autoren des umstrittenen Buches behaupten, für Kultur interessiere sich nur eine Minderheit. Monika Knill hielt dagegen: «Es ist eine Mehrheit, die sich für Kultur interessiert. Selbst das Bundesamt für Statistik belegt dies.» Knill erinnerte an das Kulturkonzept des Kantons, das unterstreiche, wie wichtig dem Kanton die regionale Kulturförderung sei. «Das Entstehen von Kunst zu erleichtern ist das Ziel der kantonalen Kulturpolitik», beteuerte Knill. Die Regierungspräsidentin wünschte den Preisträgern für ihre Arbeit eine «gesunde, anregende, konstruktive Umgebung, ganz sicher ohne Infarktrisiko».
Die Altersspanne der Geförderten war dieses Jahr breit. Von Künstlern wie Hannes Brunner und Herbert Kopainig, die bereits ein umfangreiches Werk hinter sich haben, bis zu jungen Künstlerinnen wie der Sängerin Alexa Vogel, die mit dem Förderpreis ihren Weg zur Bühne, die ihr «Traum» sei, finanziell abgepolsterter gehen könnte. Vogel möchte mit ihrem Gesang die Hörer berühren. «Schön wäre es, wenn ich mit meiner Stimme den Kanton Thurgau in die Welt hinaustragen könnte», bedankte sich die Sängerin für den Preis.
Nah am Publikum
Tobias Engeli, der im ostdeutschen Zwickau seine Dirigentenkarriere vorantreibt und sich im italienischen Opernfach weiterbilden will, nahm kritisch zur Kulturinfarkt-Debatte Stellung. In Deutschland sei er da hautnah betroffen. Dass man kleinere Theater einfach schliesse, sei nicht der richtige Weg. «Gerade kleinere Häuser bieten die fürs Publikum so wichtige Kommunikation mit der Kultur. Das Publikum will sein Theater und sein Orchester. Eine Halbierung der Theaterlandschaft ist sinnlos», sagte Engeli.
Der Winterthurer Künstler Valentin Magaro nutzt seinen Förderbeitrag, um sich im Steindruckatelier von Thomi Wolfensberger weiterzubilden. Der Maler will durch die Auseinandersetzung mit einer neuen Technik seiner künstlerischen Entwicklung einen Impuls geben. Der Diessenhofener Herbert Kopainig wurde als «unangepasster» Künstler gewürdigt, dem ein Förderbeitrag helfen könne, sein panoptisches Lebenskunst-Projekt einem breiteren Publikum ins Bewusstsein zu bringen. Der Medienkünstler Hannes Brunner schliesslich suche «in den unendlichen Weiten individualisierter Lebensreproduktionen nach Möglichkeiten die alltäglich gewordene Benutzung medialer Welten zu übersetzen in einen Moment, in dem wir uns und unsere Imagination erkennen können», so die Laudatio.
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