Tagblatt Online, 19. Juni 2012 01:03:45
«Ich bin noch auf der Suche»
Amriswil TG - Judith Engeler aus Amriswil ist Theologiestudentin. Bild: Nana do Carmo / TZ 15.06.2012 (Bild: Nana do Carmo / TZ)
Die 22jährige Judith Engeler aus Amriswil studiert Theologie und muss ihre Studienwahl oftmals erklären. Obwohl sie noch nicht weiss, was sie später machen möchte, ist sie von ihrem ungewöhnlichen Studienfach überzeugt.
RAHEL HAAG
AMRISWIL. Nach der Matura im Jahr 2009 fiel es Judith Engeler schwer, sich für ein Studienfach zu entscheiden. «Ich interessierte mich unter anderem für Geschichte, Sprachen und Philosophie», erklärt die heute 22-Jährige. An Theologie habe sie nicht gedacht. Ihr Bruder habe sie am Ende auf die Idee gebracht. «Schnell stellte ich fest, dass Theologie alles beinhaltet, was mich interessiert», sagt sie.
Eine breitgefächerte Ausbildung
Wenn die junge Amriswilerin von ihrem Studium erzählt, sind die Menschen oft überrascht. «Ich entspreche offensichtlich nicht dem Bild, das man im allgemeinen von einer Theologiestudentin hat», sagt sie schmunzelnd. Judith lebt in einer Beziehung und würde sich selbst nicht als gläubig bezeichnen. «Ich bin noch auf der Suche», sagt sie. Ihr Studium sieht sie als breitgefächerte Ausbildung. Während die meisten Studenten ihres Fachs später einmal ins Pfarramt möchten, kann sich Judith im Moment nicht vorstellen, selbst auf der Kanzel zu stehen. «Ich interessiere mich eher für eine Stelle im Bereich Journalismus», sagt sie. Konkrete Pläne für die Zukunft habe sie aber noch nicht.
Dennoch wollte sie sich alle Möglichkeiten offenhalten. Anfang 2010 konvertierte die junge Frau zum evangelischen Glauben. «Mit der katholischen Kirche konnte ich nie viel anfangen, und als Katholikin wäre es mir unmöglich gewesen, doch noch die Ausbildung fürs Pfarramt zu machen», erklärt sie. In der Kirche sei sie aber nur selten und in unregelmässigen Abständen anzutreffen. «Ab und zu begleite ich meine Mutter, und an Feiertagen wie Ostern oder Weihnachten gehe ich jeweils zur Kirche.» Durch ihr Studium habe sie jedoch einen anderen Blick auf die Predigt. «Ich hinterfrage die Dinge mehr und überlege mir beispielsweise bei den Stellen, die aus der Bibel zitiert werden, ob ich diese gleich interpretieren würde.»
In kleinem Kreis
Die Zahl der Theologiestudenten sei ziemlich gering. Dadurch kenne man sich. Wenn man dann mal eine Vorlesung versäume, könne es vorkommen, dass man vom Professor persönlich darauf angesprochen werde. Manchmal vermisse sie die Anonymität ein wenig, sagt Judith. Dazu käme, dass in ihrem Studiengang das Durchschnittsalter relativ hoch sei. «Es gibt viele, die das Theologiestudium als zweite Ausbildung machen.» Vor allem am Anfang ihres Studiums habe sie das ein wenig enttäuscht. «Ich hätte mich über mehr Gleichaltrige gefreut.»
Dennoch, in ihrem Studienfach werde man so akzeptiert, wie man ist. «Klar gibt es Studenten, die sehr stark an Gott glauben», sagt Judith. An der Theologischen Fakultät gebe es Gebets- und Singgruppen. «Ob man mitmacht oder nicht, ist aber jedem selbst überlassen», sagt sie. «Der Glaube kann im Theologiestudium jedoch auch ein Hindernis sein. Denn wir beleuchten den Stoff von verschiedenen Seiten und nehmen die Dinge ziemlich auseinander.» Damit komme nicht jeder zurecht.
Alte Sprachen lernen
Am Anfang und Ende jedes Semesters gebe es ausserdem einen Gottesdienst für die Studenten. In sechs Semestern habe sie jedoch erst an einem dieser Anlässe teilgenommen. «Damals wurden wir in Gruppen aufgeteilt und mussten für ein Lied unterschiedliche Stimmen einüben. Das war nichts für mich», erinnert sie sich.
Zurzeit arbeitet die junge Studentin an einer Arbeit zu der Auferstehungsvorstellung im Matthäus-Evangelium. Die Bibelkunde sei ein relativ wichtiger Teil des Studiums. «Im Prinzip ist das Vorgehen aber gleich wie in der Literaturwissenschaft. Auch ich muss für meine Arbeit viel Sekundärliteratur zu Rate ziehen», erklärt Judith. Das Studium könne sie jedem empfehlen, der sich für die eigene Kultur und deren Hintergrund interessiere. «Ausserdem sollte man gerne Diskussionen führen», fügt sie an.
Das grösste Hindernis bildeten für die meisten Studenten die Sprachen. «Wir müssen Griechisch, Latein und Hebräisch lernen», erklärt sie. Judith habe das nichts ausgemacht. «Ich lerne gerne neue Sprachen, und dadurch verstehe ich jetzt auch die deutsche Grammatik ein wenig besser», sagt sie.
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