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Tagblatt Online, 14. Juli 2012 07:05:00

Ein U-Boot im alten Weinkeller

Ausstellung Francois Burland Zoom

François Burland vor seinem Werk «Atomik Submarine», das mit über 18 Metern Länge fast den ganzen Ausstellungskeller des Kunstmuseums in der Kartause Ittingen einnimmt. (Bild: Nana do Carmo)

Wie Spielzeuge sind die Raketen und Flugzeuge, riesenhaft ist das Atom-U-Boot. Der Lausanner Aussenseiterkünstler François Burland zeigt im Thurgauer Kunstmuseum Werke, die die Gewalttätigkeit von Kriegsmaschinen mit scheinbar kindlicher Spiellust verbinden.

DIETER LANGHART

WARTH. Ein absurdes Objekt ist im Keller der Kartause Ittingen gestrandet, wo früher die Mönche ihren Wein gelagert haben: ein riesiges U-Boot aus Blech und Holz, mit einem stolzen roten Schriftzug: «Atomik Submarine». Wie ein Wal macht sich das Ungeheuer im grossen Ausstellungskeller des Kunstmuseums breit, stösst oben ans Gewölbe und lässt noch etwas Raum für fast niedliche Raketen und Flugzeuge, Schiffe und Tanks. Doch niedlich ist das nicht, was François Burland uns hier zeigt. Er lässt uns mit unseren Skrupeln und Fragen zurück.

Objekte eines Kriegsspiels

Der Lausanner – eine schillernde Künstlerpersönlichkeit, die ausserhalb Lausannes noch kaum wahrgenommen worden ist – setzt aus Abfallmaterialien eine Art Spielzeuge zusammen, ähnlich jenen, wie sie etwa die Tuareg herstellen, die er immer wieder besucht. Burland lässt eine Phantasiewelt entstehen, die sich nährt aus Symbolen der untergegangenen Sowjetunion und des Kalten Krieges, aus Befreiungskämpfen und amerikanischem Imperialismus – das Instrumentarium eines riesenhaften Kriegsspiels, das aber nicht virtuell ist wie ein Computer-Game. Er bespielt eine Theaterbühne, auf der er die Bedrohung der Erde spielt, nicht abbildet.

Der 1958 geborene François Burland eignet sich Geschichte an, die er dem Betrachter neu vergegenwärtigt. «Das passt zu diesem Ort», sagt Museumsleiter Markus Landert, «denn Burland inszeniert eine Vergangenheit und macht sie sichtbar.» Auch wenn es eine ganz andere Vergangenheit ist als die des ehemaligen Klosters.

«C'est un jeu»

Seit gut zehn Jahren baut der Künstler an seinen Fahrzeugen, Schiffen, Flugkörpern, meist erreichten die Objekte nur die Grösse von Spielzeugen. Doch vor zwei Jahren hat er sich an die gigantische «Atomik Submarine» gewagt, hat mit Helfern in einer ausrangierten Garage in Bordeaux ein Skelett aus Dachlatten mit Blech überzogen, hat Tausende von Nieten verbaut und den Schiffskörper mit pathetischen Zeichen eines untergegangenen Weltreichs geschmückt.

Handarbeit. Das passt zum Jahresthema «Handwerk» der Museen in Ittingen. Zwei Wochen hat der Aufbau im Ausstellungskeller gedauert, gestern fehlten nur noch wenige Stücke Dosenblech. Doch nicht nur das spektakuläre U-Boot lohnt einen Besuch, auch die kleinen Objekte, mit denen Burland bisweilen Freunden die Ehre erweist, wenn er etwa ein Schiff Denes Karaï nennt. Oder sich selber: «Burland guide suprême». Wie ein Adolf Wölfli, aber nicht zwanghaft, krampfhaft, sondern spielerischer. «C'est un jeu», sagt Burland und lacht.

Er ist Autodidakt. Als er 15 oder 16 war, hat er einem Lausanner Künstler im Atelier geholfen, hat sich mit Kunst auseinandergesetzt und indirekt gelernt. Später erst hat er sich mit und in seiner Kunst selber gefunden, wie er sagt. Hat grossformatige Zeichnungen erstellt und seit gut zehn Jahren solche Objekte, wie sie im Kunstmuseum zu sehen sind.

Die Schönheit des Schrecklichen

Einzelstücke sind sie alle, das unterscheidet sie von Spielzeugen, wie sie in Millionenauflagen die Läden überschwemmen. Wie real ist das? Es ist eher eine Frage der Phantasie, wie wir das Schillernde zwischen dem Phantastischen und dem Schrecken ausloten. In seinen Objekten verbaut Burland vielfältige Andeutungen: Kunst, Geschichte, Politik, aber auch Alltagskultur wie Comics oder Agentenfilme und gewiss auch Erinnerungen an die Stunden selbstvergessenen Spielens im Kinderzimmer.

Wenn ein François Burland das Schreckliche als schön verkauft, hat das durchaus etwas Didaktisches an sich. Die Widersprüche, die sich beim Betrachter dieser absurden Welt auftun, sind erwünscht und gewollt.





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