Tagblatt Online, 30. Mai 2012 01:06:55
Die bunten Folgen der Dreizahl
Die Ittinger Pfingstkonzerte können einen immer wieder neu beflügeln; auch in ihrer achtzehnten Ausgabe war es so – einer Art Jubiläum, das nicht bis zur zwanzigsten gewartet hat, sondern der Zahl Drei und ihren Vielfachen gefolgt ist.
ALFRED ZIMMERLIN
WARTH. Heinz Holliger und András Schiff, die beiden künstlerischen Leiter des Kammermusikfestivals in der traumhaft gelegenen Kartause Ittingen, schaffen es mit einer eindrücklichen Kontinuität, einen mit ausgesuchten Programmen und viel auch weniger bekannter Musik in geradezu verschwenderischer Fülle zu überraschen. Und die Qualität der Interpretationen bewegt sich auf hohem bis höchstem Niveau.
Der Leitgedanke dieses Jahres war einfach: Unter dem Motto «Aller guten Dinge…» wurde die Dreizahl (und ihre Vielfachen) gleichsam zum Ideengenerator. Die Offenheit bewirkte Buntheit – und erlaubte anregende Begegnungen mit Trios in mannigfacher Instrumentierung, etwa dem mit Naturlauten durchsetzten Trio d'anches (Oboe, Klarinette, Fagott) von Heitor Villa-Lobos, unglaublich beweglich, körperhaft und klangvoll gespielt von den drei jungen Interpreten Emanuel Abbühl (Oboe), Sebastian Manz (Klarinette) und Diego Chenna (Fagott).
Vitales Trio eines 103-Jährigen
Es gab eine fein ausgehörte Aufführung von Claude Debussys Trio für Flöte, Viola und Harfe und eine Reihe weiterer Trios in verwandter Besetzung mit so wunderbaren Musikerinnen und Musikern wie Ursula Holliger (Harfe), Sabine Poyé Morel (Flöte), Lily Francis und Geneviève Strosser (Viola), Heinz Holliger (Oboe und Englischhorn), Elmar Schmid (Bassklarinette) und Anton Kernjak (Klavier). Die Werke stammten von Jürg Wyttenbach (Drei Sätze für Oboe, Harfe und Klavier, 1963), Heinz Holliger (Trio für Oboe, Viola und Harfe, 1966) und Elliott Carter, dessen skizzenhaftes «Trije glasbeniki (Drei Musiker)» für Flöte, Bassklarinette und Harfe im Jahr 2011 entstanden ist.
Zuvor hatte Carter mit dem in seinem 103. Lebensjahr komponierten, vital frechen, kurzen «String Trio» (2011) überrascht: beinahe ein Mini-Bratschenkonzert, fabelhaft gespielt von Hanna Weinmeister (Violine), Geneviève Strosser (Viola) und Anita Leuzinger (Violoncello).
Höhepunkte und Hammerflügel
So reihte sich Ereignis an Ereignis. Klaviertrios mit verschiedenen Besetzungen um die Pianisten András Schiff, Dénes Várjon und Anton Kernjak waren zu hören, komponiert von Robert Schumann, Nikolai A. Roslawez, Claude Debussy und Maurice Ravel. Oder Werke in Dreiergruppen wie Debussys «En blanc et noir» für zwei Klaviere, dessen Interpretation durch Schiff und Várjon zu den Höhepunkten dieses Festivals wurde.
Ähnliches gilt für die schlicht grandiose Aufführung von neun Stücken – Soli und Duos – von György Kurtág für Oboe (auch Englischhorn) und Kontrabassklarinette (auch Bassklarinette) durch Heinz Holliger und Elmar Schmid. Und schliesslich Franz Schuberts Klaviersonate B-Dur (D 960, 1828), für die sich András Schiff an einen historischen Hammerflügel gesetzt hat: Welche Orchestrierung mit Farben erhielt so das Werk, welch berührende Intensität.
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