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Tagblatt Online, 28. Dezember 2011, 01:04 Uhr

Aus dem Dunkel ins Web

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Der Thurgauer Pianist Timon Altwegg hat Load.CD konzipiert. (Bild: Martin Preisser)

Mit der Internetplattform «Load.CD» werden Komponisten und Interpreten neue und transparente Formen des Austauschs von Musikliteratur ermöglicht. Rund 25 Mitarbeitende zählt das in Kreuzlingen ansässige Unternehmen.

MARTIN PREISSER

KREUZLINGEN. Timon Altwegg setzt sich nicht nur in seinen Konzertprogrammen für unbekanntere Komponisten und vor allem für zeitgenössisches Schaffen ein, sondern auch über ein spezielles Internetprojekt, das er vor Jahren entwickelt hat. Unbekannte klassische Konzertliteratur zu finden, sei sehr viel schwieriger, als es sich der Laie vorstelle, sagt der Kreuzlinger Pianist. Entweder finde man die Stücke überhaupt nicht mehr oder der Interpret bezahle horrende Preise für Kopien aus Archiven der Musikverlage. Ganz schlecht sei es um zeitgenössische Musik bestellt. Oft werde sie nicht verlegt, und wenn sie verlegt werde, würde sie schlecht beworben.

Ungewollt in die Illegalität

Sehr negativ beurteilt Timon Altwegg die Arbeit der heutigen Verwertungsgesellschaften wie der Schweizer Suisa oder der deutschen Gema. Das komplizierte Gebührensystem mit hohen Lizenzgebühren führe dazu, dass Interpreten abgeschreckt würden, Zeitgenössisches überhaupt aufzuführen. «Die Arbeit dieser Gesellschaften drängt viele Musiker ungewollt in die Illegalität», formuliert es Altwegg deutlich. Zahlreiche Werke hochtalentierter Künstler würden deshalb gar nicht erst geschaffen, publiziert oder aufgeführt.

Die Cervelat zum Kaviar

Altwegg liebt die grossen Komponisten des klassischen Kanons, aber er sagt auch: «Wir können nicht jeden Tag Kaviar essen. Wir brauchen im Konzertbetrieb auch die Künstler, die eine feine Cervelat servieren können.» Daher geht der Pianist immer wieder weltweit auf Suche nach neuer Literatur abseits ausgetretener Pfade. Die unbefriedigende Situation bei der Recherche, die ihm sehr oft die Grenzen des klassischen Verlagswesens aufgezeigt habe, hat ihn dazu veranlasst, das Internetprojekt «Load.CD» zu gründen.

Die Plattform arbeitet ausschliesslich legal. Komponisten können ihre Werke in einer Art Selbstverlag auf dem Webportal hochladen, ihre Kompositionen bewerben und an mögliche Interpreten verkaufen, die die Stücke einfach downloaden und aufführen können. Timon Altwegg erzählt von einem argentinischen Komponisten, der für ihn via Load.CD von einem Geigenstück eine Violaversion geschrieben hat. Komponisten und ihre Interpreten haben eine gemeinsame Plattform, die künstlerische Kontakte fördert. Wertvolle Stücke von Komponisten, die sonst keine Chance hätten, verlegt zu werden, finden den Weg aus dem Dunkel.

Keine Monopolgesellschaften

Via Load.CD ist es auch möglich, die Aufführungsrechte für die Stücke beim Komponisten gleich mitzubestellen. Der umständliche und für viele Musiker frustrierende Weg über die Suisa oder Gema fällt weg. «Diese Gesellschaften, die einen grossen Verwaltungsaufwand betreiben, spielen sich als Monopolgesellschaften auf, die sie aber nicht sind», kritisiert Timon Altwegg, der beim Load.CD-Projekt viel über juristische Fragen der Musikvermittlung gelernt hat und vor allem auf juristische Präzision des Internetangebots sowie völlige Transparenz grossen Wert legt.

Aus dem Archiv ins Netz

Im Falle des in Basel als Hans- Huber-Schüler tätig gewesenen Komponisten Ernst Levy (1895– 1981) ist eine Zusammenarbeit von Load.CD mit der Universitätsbibliothek Basel bei einem Digitalisierungsprojekt entstanden, das das Werk des Komponisten jetzt auf Load.CD zugänglich macht. Lob gibt es von Christoph Ballmer, Leiter der Musikabteilung der Universitätsbibliothek Basel: «Wir halten das Konzept von Load.CD für unterstützungswürdig und vorbildlich.» Was mit Ernst Levy und den mehr als 12 000 Einzelblättern erfolgreich begonnen habe, könne, was die Aufarbeitung schweizerischen Kompositionsschaffens angehe, weitere Kreise ziehen, hofft Altwegg.

Preis für Nachwuchs

Load.CD kümmert sich neuerdings auch um den Komponistennachwuchs. In Zusammenarbeit mit der Zürcher Hochschule der Künste ZHdK hat die Firma einen Kompositionspreis in Höhe von 5000 Franken ausgelobt und will den Komponisten der Zukunft einen speziellen Weg aufzeigen, der Gefahr zu entgehen, mit ihrer Musik im Dunkeln zu bleiben.

Um eine sorgenfreiere Möglichkeit für Komponisten und ihre Interpreten, ihrer Kunst zu Transparenz zu verhelfen, geht es Load.CD. Durch verschiedene Angebote an Serviceleistungen will Load.CD ihnen den Raum geben, sich wirklich ihrer Kunst widmen zu können – ohne aufreibende Vermarktungs- und Verwaltungsarbeiten. Und wenn es Load.CD gelingt, mit der Digitalisierung von in Bibliotheken verstecktem Kulturgut verlorene Schätze wieder zugänglich zu machen, könnte die Internetplattform auch eine ideelle Aufgabe erfüllen.



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