Tagblatt Online, 29. März 2011 01:05:00
Beim Arbeiten die Kurve kriegen
Hatte Glück im Unglück: Hatice Verep bekam nach der Auszeit bei Gemüseproduzent Stefan Fässler eine Lehrstelle. (Bild: Bild: Markus Schoch)
In der Gärtnerei Fässler helfen derzeit vorübergehend zwei Jugendliche. Die Schulleitung hat sie aus disziplinarischen Gründen aus der Klasse genommen und zu einem Arbeitseinsatz verpflichtet. Es kann der Weg ins Glück sein.
markus schoch
Romanshorn. Es gibt für die beiden Sekundarschüler viel zu tun auf dem Betrieb von Stefan Fässler. Im Glashaus wachsen auf einer Fläche von einer Hektare Tausende Salate und Radieschen. Die zwei Jugendlichen helfen bei der Ernte und machen das Gemüse versandfertig. «Ich lasse sie alles machen, was sie können», sagt Fässler.
In ein paar Wochen pflanzt er die Felder bereits wieder neu an, hauptsächlich mit Tomaten und Gurken, dazu kommen Auberginen und Peperoni sowie draussen im Freiland Zucchetti. Bis dahin sind die beiden Sekschüler längst wieder in ihrer Klasse.
«Ist eine Strafe»
Sie gehen Fässler nur 10 beziehungsweise 20 Tage zur Hand. Der Arbeitseinsatz ist eine unfreiwillige Auszeit, die sie auf Anordnung der Schule nehmen müssen, nachdem sie trotz Gesprächen und Hilfsangeboten wiederholt gegen die Regeln verstossen haben. Das Fass beim einen zum Überlaufen gebracht hat, dass er einen anderen Schüler schlug, wie er unumwunden zugibt. «Ich war jedoch nicht der einzige», betont er. Beim anderen ist nicht ganz klar, warum er bei Fässler gelandet ist. Die Schule werfe ihm vor, er mache im Unterricht nicht mit, erklärt er. Dabei habe er sich zuletzt Mühe gegeben. Doch wollten das seine Lehrer nicht sehen.
Beide empfinden die Arbeit im Gemüsebau als Strafe. «Wir schaffen und bekommen kein Geld», sagen sie. Das Schlimmste für die Jugendlichen ist, dass sie ihre Kollegen nicht mehr sehen. «Ich vermisse sie», sagt einer der beiden.
Nur gute Erfahrungen
Fässler beschäftigt seit Jahren Jugendliche aus Romanshorn und Amriswil, die in der Schule Probleme machen und deswegen von der Schulleitung vorübergehend zum Arbeiten geschickt werden. Grund für die Auszeit können Drohungen, Mobbing, Gewalt, Sachbeschädigung oder Drogenkonsum oder Unlust auf Schule sein.
Bis jetzt hat der Romanshorner Gemüsebauer nur gute Erfahrungen mit den Aushilfskräften gemacht. «Ich hatte immer Glück.» Die Schüler seien meist motiviert und fleissig. Der Betreuungsaufwand sei aber recht gross.
Trotzdem sind die die Arbeitseinsätze für Fässler ein Erfolgsmodell. Alle Beteiligten würden gleichermassen profitieren, ist Fässler überzeugt. «Die Schulen sparen viel Geld, das sie sonst für Abklärungen oder Therapien ausgeben müssten.» Er selber habe jemanden, der ihm zur Hand gehe. Gleichzeitig könne er seine soziale Verantwortung beweisen. «Das ist ein wichtiger Pluspunkt, sagt Fässler mit Verweis auf die ausländische Konkurrenz. Die Schüler schliesslich lernten Verantwortung zu übernehmen und hätten Zeit, sich zu besinnen.
Glück im Unglück
Für Hatice Verep aus Romanshorn war die Auszeit bei Fässler die Wende zum Guten, obwohl sie anfänglich «mega hässig» war, weil sie sich von der Schule ungerecht behandelt fühlte, wie sie sagt.
Vor einem Jahr sah ihre Zukunft düster aus. Sie war die einzige in der Klasse, die keine Lehrstelle hatte. «Ich wurde deswegen von einer anderen Schülerin provoziert. Und da habe ich zugeschlagen», erinnert sich Verep.
Die Schule reagierte sofort und wies sie Fässler zu, wo die heute 18-Jährige zwei Wochen helfen musste. «Ich hatte viel Zeit zum Überlegen», sagt Verep. Und sie hatte Glück. Denn in der Folge konnte sie bei Fässler schnuppern und bekam schliesslich eine Lehrstelle als Agrarpraktikerin Pflanzenbau. Anschliessend will sie noch eine Ausbildung als Gärtnerin machen.
Auch eine Chance
Für den Romanshorner Schulleiter Markus Villiger ist der Fall von Hatice Verep beispielhaft. «Die Auszeit ist nicht nur eine Strafe, sondern auch eine Chance», sagt er.
Entscheidend sei, dass die Schüler nicht auf sich allein gestellt seien. «Wir helfen ihnen, wo wir können», sagt Villiger. Verep hätten sie bei der Vorbereitung auf die Traktorenprüfung unterstützt. Der Führerschein war die Voraussetzung für die Lehrstelle.
Die Sekundarschulgemeinde Romanshorn dispensiert jährlich fünf bis zehn Schüler vom Unterricht und schickt sie in der Regel für eine Woche zu Fässler oder einem anderen Betrieb in der Region. Es sind insgesamt etwa vier, die den schwierigen Schülern Arbeit geben.
«Wir machen recht gute Erfahrungen», sagt der Schulleiter. Wichtig sei, die Schüler vor und nach der Auszeit eng zu begleiten, was der Kanton auch vorschreibt gemäss Walter Berger, Chef des Amtes für Volksschule. So gibt es in Romanshorn ein Eintrittsgespräch, bei dem verbindliche Ziele vereinbart werden.
Braucht Fingerspitzengefühl
Ähnliche Erfahrungen macht man in Amriswil, wo die Abläufe ähnlich sind. «Die Schüler kommen in einer anderen Verfassung zurück», sagt Schulleiter Hans-Ulrich Giger. Die Massnahme bewähre sich in der Regel. Die meisten würden die Auszeit im Rückblick nicht mehr als Strafe empfinden, sondern als Wendepunkt. Damit die Jugendlichen dem Warnschuss eine positive Seite abgewinnen könnten, brauche es von den Betreuern in den Betrieben jedoch «viel Fingerspitzengefühl», betont Giger. Stefan Fässler sei «ein gutes Beispiel».
In Amriswil sind es wie in Romanshorn etwa fünf bis zehn Schüler pro Jahr, die das Klassenzimmer vorübergehend verlassen müssen, und zwar normalerweise jeweils für zwei bis drei Wochen.
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