Tagblatt Online, 08. Februar 2012 01:04:00
Schulische Auszeit bewährt sich
Schild an der Eingangstüre zur Time-out-Schule: Im Moment nehmen sechs Jugendliche im Hydrelgebäude eine Auszeit. (Bild: Markus Schoch)
ROMANSHORN. Vor einem Jahr hat die Sekundarschulgemeinde Romanshorn-Salmsach eine Time-out-Schule eröffnet. Bis jetzt haben dort 15 Jugendliche aus der Region eine Auszeit genommen. Die ersten Erfahrungen sind gut. Die Erwartungen der Verantwortlichen waren aber teilweise andere.
MARKUS SCHOCH
«Die Zeit im Time-out ist sehr, sehr schwierig für die Jugendlichen», sagt Leiter Christian Köppel. Sie müssen sich jeden Tag an den Zielen messen lassen, die das Lehrerteam mit ihnen vereinbart hat. Und den Betreuern entgeht nichts. Von morgens 8 Uhr bis abends 17 Uhr stehen die Schüler permanent unter Beobachtung. Selbst beim Mittagessen, das jeweils einer der Schüler zusammen mit einem Erwachsenen zubereitet, können sie sich nicht hängen lassen. Mindestens ein Lehrer sitzt am Tisch und achtet darauf, dass alle Schützlinge Messer und Gabel benutzen, Salat schöpfen und anständig reden. Beim anschliessenden Verdauungsspaziergang sind die Jugendlichen auch nicht alleine.
Personell gut dotiert
Vor einem Jahr hat die Sekundarschulgemeinde Romanshorn-Salmsach eine Time-out-Schule eröffnet. Sie liegt abseits am See im Lagergebäude der Firma Hydrel. Im ersten Stock sind ein Büro sowie zwei Schulräume inklusive Küche eingerichtet. Das Lehrerteam besteht aus drei Personen: Nebst Heilpädagoge Köppel mit einem 80-Prozent-Pensum der angehende Sekundarlehrer Andreas Rutishauser (80 Prozent) und die Sozialpädagogin Nicole Müller (60 Prozent). «Wir sind personell gut dotiert», sagt Köppel. Aber das sei auch nötig, denn die Betreuung sei aufwendig.
Sie hat ihren Preis: Pro Woche kostet der Aufenthalt im Time-out rund 800 Franken, wobei der Kanton den Grossteil übernimmt. Es sei klar, dass jede Schulgemeinde auch rechne, wenn sie die Möglichkeit eines Time-out für einen Schüler in Erwägung ziehe, macht sich Köppel keine Illusionen. Doch für die Schulgemeinden ist es unter Umständen immer noch eine vergleichsweise günstige Lösung, wenn der Schüler anschliessend wieder Tritt fasst. Eine Sonderschule ist viel teurer.
Aussengemeinden ziehen mit
Das Angebot richtet sich an Jugendliche aus dem ganzen Oberthurgau, die den Unterricht massiv stören oder sich der Schule verweigern und weder vom Lehrer noch den Eltern oder dem schulpsychologischen Dienst zur Vernunft gebracht werden können. Die Time-out-Schule in Romanshorn ist ausgelegt für maximal acht Sechstklässler beziehungsweise Oberstufenschüler. Im Moment nehmen sechs Jugendliche eine Auszeit, vier davon aus Romanshorn. Die Zusammensetzung ist Zufall. «Wir haben einen sehr guten Kontakt zu den Schulleitern der Aussengemeinden», sagt Köppel. «Die Bereitschaft zur Zusammenarbeit ist da.»
Das Time-out sollte auf drei Monate beschränkt sein. In der Regel bleiben die Jugendlichen aber sechs Monate, eine Verlängerung ist im Konzept vorgesehen. «Zwölf Wochen sind sehr, sehr kurz, auch wenn wir vom ersten Tag an intensiv mit den Schülern arbeiten», sagt Köppel.
Grund für die Zeitknappheit: «Wenn die Jugendlichen zu uns kommen, brennt es meist bereits.» Bei etwa der Hälfte der Jugendlichen sei die Situation in der angestammten Klasse eskaliert, sagt der Romanshorner Schulleiter Markus Villiger. Er würde sich wünschen, die Beteiligten liessen es nicht so weit kommen. «Wenn schon alles Geschirr zerschlagen ist, wird es auch für uns schwierig.»
Die Umstände sind das Problem
Die schulischen Leistungen seien meist nicht das Problem, sagt Köppel. Die Jugendlichen hätten zwar teilweise Lernschwierigkeiten, ihre Motivation für die Schule sei aber meist überraschend hoch. Das Problem seien die Umstände, stellt Schulleiter Villiger klar. «Hier setzen wir an.» Grosse Bedeutung komme dem Aufnahmegespräch bei, sagt Köppel. «Alles muss dabei auf den Tisch kommen.» Nicht selten sitzen dann bis zu zehn Personen bei ihm im Büro.
«Wir sind bemüht, ein enges Netz zu knüpfen und niederschwellig zu kommunizieren», sagt der Time-out-Leiter. Ein wesentlicher Teil ihrer Arbeit sei der Kontakt zu den Eltern, deren Beziehung zu ihrem Kind oft «nicht optimal» sei. «Das hatten wir anfänglich unterschätzt», sagt Köppel. Sie würden teilweise mehrere Gespräche pro Woche mit den Eltern führen und sie auch coachen, wenn sie das wünschten.
Der letzte Strohhalm
Beim Eintrittsgespräch seien die meisten Schüler sehr kooperativ, hat Köppel festgestellt. «Es ist der letzte Strohhalm, an den sie sich klammern können.» Die Realität sei dann aber zumindest am Anfang meist eine andere. Die Schüler würden die Grenzen ausloten. «Wir müssen darum permanent dranbleiben», sagt Köppel. Es brauche eine gewisse Zeit, bis sie die Spielregeln akzeptiert hätten.
Am Schluss würden die Schüler aber nicht selten eine gewisse Wehmut empfinden, wenn das Ende der Auszeit nahe. «Es kam schon vor, dass mich einer gebeten hat, länger bleiben zu können», sagt Köppel.
Viele finden den Rank wieder
Köppel und Villiger ziehen eine positive Bilanz der ersten zwölf Monate. «Viele Schüler haben nach dem Time-out den Rank wiedergefunden.» Einer sei nach dem Aufenthalt bei ihnen ein völlig anderer Mensch gewesen. «Er ist jetzt akzeptiert in seiner Klasse, und auch schulisch läuft es ihm gut», sagt Köppel.
Längst nicht alle Time-out-Schüler kehren nach den bisherigen Erfahrungen aber in die angestammte Klasse zurück. Zuweilen sei das Verhältnis zum Lehrer so schwer gestört, dass dies nicht möglich sei, sagt Köppel. Eine Mehrheit besuche aber weiter eine Regelklasse.
Für Villiger sind Misserfolge kein Grund, am Time-out zu zweifeln. «Wir müssen den Schülern immer wieder neue Chancen bieten. Und wir dürfen nicht aufgeben, auch wenn es einmal nicht klappt.»
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