Tagblatt Online, 04. August 2012 01:37:00
Die vielen Hobbies halten ihn fit
Walter Schönbächler fährt mit seinen Grosskindern alle paar Monate mit der Fähre nach Friedrichshafen. (Bild: Gioia Zogg)
ROMANSHORN. Walter Schönbächler ist in Romanshorn aufgewachsen und hat fast sein ganzes Leben hier verbracht. Für seine Heimat hat er sich immer eingesetzt. Ohne den Bodensee würde ihm etwas fehlen.
GIOIA ZOGG
Schon eine Stunde habe er heute morgen Bratsche gespielt, sagt Walter Schönbächler. Obwohl wir bereits um 9.15 Uhr am Autoquai in Romanshorn verabredet sind, um die 9.36-Uhr-Fähre nach Friedrichshafen zu erwischen. Trotzdem, es fehlt noch einmal eine Stunde, um sein tägliches Pensum zu vervollständigen.
Denn Musik ist seine Leidenschaft. Es ist eines seiner vielen Hobbies, das er auch noch 13 Jahre nach seiner Pensionierung mit Hingabe pflegt. Kirchenchor, Arboner Symphonieorchester, CVP-Musig, ein Streichquartett mit Freunden und: «Alle zwei Wochen gehe ich in den Bratschen-Unterricht.» Kein Wunder also, dass der frühere Primarlehrer immer wieder bei Anlässen oder kleinen Konzerten auftritt.
Walter Schönbächler legt grossen Wert auf einen geregelten Tagesrhythmus. «Besonders nach der Pension wird einem schnell alles zu anstrengend. Ich hüte mich, meine Zeit nur mit Jassen, Rauchen oder <Umehöckle> zu verbringen.» Er rauche schon seit 40 Jahren nicht mehr.
Seine zeitliche Auslastung ist dementsprechend hoch. Neben den Musikproben und -auftritten ist er als ausgebildeter Rettungsschwimmer der ideale Schulklassenbegleiter beim Schulschwimmen. Und der frühere Gemeinderat trifft sich alle zwei Wochen mit Rollstuhlpatienten des Pflegeheims zur Spazierfahrt. Vor ein paar Jahren hatten ihn zudem noch die lokale Politik, das Präsidium des Musikkollegiums und die Imkerei in Beschlag genommen. Natürlich alles neben der Familie und dem Lehrerberuf.
Nur vier Jahre bis zum Patent
1936 ist Walter Schönbächler in Romanshorn geboren. Sein Vater hatte einen Molkereibetrieb mit Restaurant, das die Mutter führte. Der junge Walter belieferte jeden Abend einige Dorfbewohner mit Milch und war bekannt bei den Stammgästen des elterlichen Gasthauses Velostübli. Als er mit 19 das Seminar in Kreuzlingen – nach damaliger Praxis nach nur vier Jahren – beendet hatte, übernahm er eine Gesamtschule mit 28 Kindern über acht Klassen verteilt. Das war im Bauerndorf Salen-Reuten auf dem höchsten Punkt des Seerückens.
«Die älteste Schülerin war gerade mal sechs Jahre jünger als ich», erinnert sich Schönbächler. «Sie durfte von zu Hause aus nicht in die Sek, deshalb blieb sie in der Abschlussklasse. Ich <beförderte> sie kurzerhand zu meiner Hilfslehrerin.»
Lange währte seine <Karriere> im ländlichen Dorfteil aber nicht. Der Junglehrer war als Molkereibote und Wirtensohn bekannt, und schnell holte man ihn ins vom Lehrermangel geplagte Romanshorn zurück.
Feuerwand in Friedrichshafen
Die Fähre, die zwischen Romanshorn und Friedrichshafen verkehrt, hat Walter Schönbächler beim erstenmal quasi von der falschen Seite aus bestiegen. Wegen einer verpassten Reisegruppe und unter Zeitdruck wegen des nachmittäglichen Unterrichts ging es von Ulm nach Friedrichshafen und dann mit der Fähre nach Romanshorn.
«Ich wäre pünktlich zum Schulbeginn wieder im Schulhaus gewesen. Dummerweise hatte mich der Schulpräsident bei den Schülern bereits abgemeldet», sagt Schönbächler. Und: «Das erste Mal, als ich in Friedrichshafen war, kam ich also von Ulm her und nicht aus Richtung Romanshorn.» Heute ist er alle paar Monate mal in der deutschen Hafenstadt, meistens mit seinen sieben Grosskindern.
Die nachkriegszeitliche Aversion gegen die Deutschen hat sich schon lange gelegt. «Während des Kriegs haben wir keine Unterscheidung gemacht, es waren für uns alles SS-Deutsche», sagt Schönbächler.
In Erinnerung sind ihm auch die Bombardements gegen Ende des Krieges geblieben. Eine Feuerwand am Horizont, er und seine Familie im Luftschutzkeller, zitternd, Friedrichshafen in Trümmern. «Ich war es gewohnt, dass wir von hier aus zwei hohe, nebeneinander stehende Türme in Friedrichshafen sehen konnten. Plötzlich war da nur noch einer.» Nach dem Krieg hätten die Ausflugsschiffe dann Schräglage gehabt, weil alle Passagiere neugierig auf einer Seite standen, um in Richtung Friedrichshafen zu schauen. Als der Dreiländerverkehr auf dem See wieder aufgenommen wurde, stellte man den Trajektverkehr ein und die Autofährengenossenschaft wurde gegründet. Statt Eisenbahnwagen wurden nun Autos quer über die 14 kilometerlange Seestrecke befördert. Schönbächler erinnert sich gut daran , war er doch als Gemeinderat später für das Thema zuständig.
Fünf Mädchen
Ein anderes denkwürdiges Ereignis für die Seeanwohner war die Seegfrörni 1963. Schönbächler muss aber zugeben, dass ihn das damals nicht so sehr interessiert hat. «Es war merkwürdig, jeder Tag ab dem Dezember war ein Eistag. Aber zu dieser Zeit war ich gerade sehr verliebt, da bekamen wir die Kälte etwas weniger mit», sagt er. Seit 1964 ist er nun schon glücklich mit seiner Frau Verena verheiratet. Bald steht die goldene Hochzeit an. Auch die fünf Kinder – fünf Mädchen – seien <gut geraten>, sagt Schönbächler lachend. Drei sind in die Fussstapfen des Vaters getreten, teils zwar auf Umwegen, trotzdem liegt das Lehrersein den Schönbächlers anscheinend im Blut.
Ohne Bodensee ginge es nicht
Pfarrei, Schulwesen, Rettungsschwimmerverein, Musikschulgründungskomitee, CVP-Mitglied – Walter Schönbächler kennt man in Romanshorn. Kein Wunder, dass er, obwohl er sich eigentlich nur gefälligkeitshalber 1979 auf die Wahlliste setzen liess, zum Mitglied des Gemeinderates und späteren Vizegemeindeammann gewählt wurde.
«Es liegt daran, dass ich nie über längere Zeit von Romanshorn weg war und mich immer irgendwo engagiert habe. So wird man gewählt, ob man es will oder nicht», sagt er mit einem Lachen. Warum er nie lange die Ferne suchte? «Ich bin ein Seebub. Ich gehe noch heute regelmässig schwimmen. Ohne den Bodensee ginge es für mich nicht.»
-
Weitere Artikel zu diesem Thema:
- Artikel empfehlen:










Zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden.
Kommentar schreiben