Für Mair ist Italien Geschichte

EISHOCKEY ⋅ Er hatte das Gefühl, zum Spielball der Funktionäre zu werden. Deshalb trat Stephan Mair per sofort als italienischer Nationaltrainer zurück. Nun konzentriert sich der Südtiroler ganz auf den HC Thurgau.
07. August 2017, 05:17
Matthias Hafen

Matthias Hafen

matthias.hafen@thurgauerzeitung.ch

Die Meldung fegte wie ein heftiges Sommergewitter über das italienische Eishockey. Mittendrin: Thurgaus Cheftrainer Stephan Mair. Der 50-jährige Südtiroler gab in seiner Heimat bekannt, das Amt des Nationaltrainers trotz Vertrags bis Mai 2018 per sofort niederzulegen. Dies, nachdem er die Squadra Azzurra vor drei Jahren als Nebenamt übernommen hatte und sie 2016 in die Elite des Welteishockeys gecoacht hatte.

Differenzen mit der Verbandsspitze führten nach der A-WM vom vergangenen Mai in Köln zur Verstimmung. «Wenn einem als Cheftrainer unmittelbar im Anschluss ans Turnier technische und taktische Fehlentscheidungen per E-Mail mitgeteilt werden, spätestens dann muss man einsehen, dass das Vertrauen und der Respekt nicht mehr vorhanden sind und es besser ist, die Zusammenarbeit zu beenden», sagt Mair, der den Wiederabstieg Italiens in Köln nicht verhindern konnte.

«Heckenschützen in den eigenen Reihen»

In einem Communiqué gab der italienische Eishockeyverband FISG bekannt, dass man Mairs Demission bedaure. Der Nationaltrainer habe jederzeit das Vertrauen des Verbands gehabt, ganz autonom handeln können und sei bezüglich der Resultate nie unter Druck gesetzt worden. Im besagten E-Mail des Verbandspräsidenten Andrea Gios seien Zukunftsideen formuliert worden, um das italienische Nationalteam weiterzubringen.

Das E-Mail sei nicht der einzige Grund gewesen, der ihn zum Rücktritt bewogen habe, sagt Mair. «Die fehlende Rückendeckung und Heckenschützen in den eigenen Reihen sind zermürbend und reiben einen mit der Zeit auf. Wenn der Sportdirektor seine Aufgabe nicht erfüllt, nie klar Stellung bezieht, kein nennenswertes Programm vorstellt beziehungsweise durchführt, dann kann ein längerfristiges Projekt nicht erfolgreich sein.»

Das Projekt bestand darin, die italienische Nationalmannschaft unabhängiger von Italokanadiern zu machen und vermehrt auf junge Spieler aus dem eigenen Land zu setzen. «Mir war von Anfang an klar, dass es ein steiniger Weg werden würde», sagt Mair. «Ich habe viel Herzblut und Verantwortung in dieses Projekt gesteckt. Wenn man grundlegende Veränderungen herbeiführen will, dann braucht es Zeit und einen langen Atem. Trotz der Verjüngung und trotz des Verzichts auf einen Grossteil der Doppelstaatsbürger sind wir 2016 in die A-Gruppe aufgestiegen.»

Doch das italienische Nationalteam brauche noch Jahre, bis sich der Stamm so weit stabilisiert habe, dass es höhere Ziele anstreben könne. Voraussetzung dafür sei auch das Teamwork im sportlichen Management. «Diese konstruktive Zusammenarbeit habe ich vermisst», so Mair. Zuletzt habe er das Gefühl gehabt, zum Spielball der Funktionäre zu werden. Dies vor dem Hintergrund, dass 2018 in Italiens Verband Neuwahlen anstehen. «Leider musste ich zuletzt einsehen, dass meine Arbeit im Ausland mehr geschätzt und vor allem respektiert wird als in Italien.»

HC Thurgau profitiert von der neuen Situation

Während Mair über die Entwicklung alles andere als glücklich ist, profitiert sein Hauptarbeitgeber HC Thurgau von der neuen Situation. Mair wird dem NLB-Club in der neuen Saison voll und ganz zur Verfügung stehen. «Die italienische Nationalmannschaft war für mich auch eine Berufung. Ich strebe kein anderes Engagement als Nationaltrainer an», sagt Mair.


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