«Es geht auch um Heimat»

EISHOCKEY ⋅ Mit dem heutigen Auswärtsspiel in Visp kann der HC Thurgau auf Platz zwei der NLB vorstossen. Vizepräsident Max Hinterberger über Erfolg, Lokalpatriotismus und sein Schlüsselerlebnis von Lake Placid.
27. Oktober 2017, 05:19
Matthias Hafen

Matthias Hafen

matthias.hafen@thurgauerzeitung.ch

Max Hinterberger, wie erklären Sie sich das aktuelle Hoch des HC Thurgau?

Wir sind derzeit Tabellenvierter, weil die Mannschaft das Potenzial dazu hat. Wenn alle gesund sind und die Mannschaft als Einheit auftritt, dann gehört der HC Thurgau in die Region von Platz vier bis sechs der NLB-Tabelle. Aber sobald wir nur ein bisschen nachlassen, sind wir gleich wieder Achter.

War Ihnen das Potenzial der Mannschaft schon vor dem Saisonstart bewusst?

Wir waren sicher optimistisch ob des aktuellen Kaders. Deshalb haben wir als Saisonziel auch Platz sechs und die Qualifikation für die Playoff-Halbfinals herausgegeben.

Finden Sie das aufgrund der vergangenen Jahre, als oft schon die Playoff-Qualifikation ein Knorz war, nicht etwas hoch gegriffen?

Ich habe im Verwaltungsrat lange vor Saisonbeginn gesagt, dass wir höhere Ziele anpeilen müssen als bisher. Sonst wirst du irgendwann langweilig. Es brauchte dafür einige Überzeugungsarbeit innerhalb des Gremiums. Als sich mit der Zeit aber abzeichnete, wer alles zur Mannschaft stossen wird, fiel der Entscheid allen etwas leichter.

Es ist genau 20 Jahre her, seit der HCT zum bislang letzten Mal im Halbfinal gespielt hat – 1997/98 gegen den EHC Biel. Und jetzt diese Zielvorgabe: Das ist kein Zufall, oder?

Nein, ist es nicht. Es kann nicht sein, dass wir über 20 Jahre lang nicht einmal mehr die erste Hürde schaffen im Playoff. Ich bin aber wirklich der Meinung, dass die aktuelle Mannschaft das Potenzial für den Halbfinaleinzug hat. Mit der optimistischen Zielvorgabe sagen wir den Spielern auch, dass wir Vertrauen in ihre Fähigkeiten haben und ihnen das zutrauen. Den Spielern muss man auch sagen, dass sie gut sind. Nicht zu oft, aber immer mal wieder.

Wie stehen Sie zum Entscheid, diese Saison wieder von Anfang an mit zwei Ausländern zu bestreiten?

Das geht nicht anders, wenn man in dieser Liga einigermassen mithalten will. Das haben wir in der vergangenen Saison gesehen, als wir zu Beginn der Meisterschaft zu viele Punkte verloren haben. Damals war es aber eine notwendige Sparmassnahme, zu der ich voll und ganz stehe.

Dafür scheinen Sie jetzt mit den Kanadiern Jaedon Des­cheneau und Cam Braes entschädigt zu werden. So viele Punkte und so viel Spektakel für so wenig Geld gab es für den HC Thurgau wohl lange nicht mehr.

Sie sind tatsächlich ein Glücksfall für uns. Und das haben wir zu einem grossen Teil Trainer Stephan Mair zu verdanken, der viel Energie in die Suche gesteckt hat und sein Know-how und seine Beziehungen ausspielte. Descheneau und Braes passen perfekt zu uns. Sie geben immer alles und verkörpern den Mannschaftsgeist, der mir sehr wichtig ist.

Weshalb stellen Sie den Teamspirit über alles?

Ich hatte mit 18 Jahren ein Schlüsselerlebnis, als das unerfahrene amerikanische Nationalteam 1980 in Lake Placid die Sowjetunion besiegte, die damals als unbesiegbar galt. Das sogenannte «Miracle on Ice» imponiert mir heute noch. Es ist ein Beispiel dafür, dass man mit Teamgeist Unmögliches möglich machen kann. Kein Amerikaner war nur annähernd so gut wie sein sowjetischer Gegenspieler. Aber die USA wollten unbedingt gewinnen – und sie haben es als Mannschaft geschafft. Deshalb steht bei mir der Teamspirit über allem.

Sie sind Chef und Mitinhaber eines kleinen Industrieunternehmens. Leben Sie diese Maxime auch dort?

Ja klar. Ich habe die grösste Freude, wenn wir gemeinsam etwas erreichen. Alleine Erfolg zu haben, ist nicht lustig. Dann kannst du ihn mit niemandem teilen.

Sie haben den HC Thurgau auch schon als «Nationalmannschaft des Kantons Thurgau» bezeichnet. Was hat es damit auf sich?

Die Verbundenheit zum Kanton ist nebst dem Mannschaftsgeist der zweite Grund, weshalb ich mich beim HC Thurgau engagiere. Hier geht es nicht nur um Eishockey. Es geht auch um Heimat. Das haben noch nicht alle begriffen. Das müssen auch nicht alle begreifen. Aber für mich ist das wichtig. In der Ära Burgener habe ich dem HCT das einzige Mal den Rücken gekehrt, weil der Club an einen Zürcher verkauft wurde. Mir ist bewusst, dass es den HC Thurgau ohne Burgener heute nicht mehr geben würde. Aber ich konnte mich damals nicht mehr mit ihm identifizieren.

Heute sind Sie mit Abstand der dienstälteste Verwaltungsrat im HC Thurgau. Wie ist das aktuelle Gremium mit früheren zu vergleichen?

Seit meinem Einstieg 2009 habe ich noch nie einen Verwaltungsrat erlebt, der so gut harmoniert. Man merkt, dass alle am gleichen Strick ziehen. Keiner wirft dem anderen etwas vor. Man hilft sich gegenseitig. Heute gehe ich wieder mit Freude an die Sitzungen. Es gab Zeiten, da war das anders, da war es mehr eine Pflicht.

Sportlich läuft’s dem HCT, aber bei den Zuschauern scheint das noch nicht angekommen zu sein. Pro Spiel sind im Durchschnitt 1021 Besucher in Weinfelden. Enttäuscht Sie das?

Ich verstehe es nicht, weil ich mir die Spiele dieser Mannschaft nicht entgehen lassen würde. Es ist schwierig abzuschätzen, was es braucht, damit die Thurgauer wieder vereint hinter dem HCT stehen. Vielleicht einfach noch ein bisschen Zeit. Fakt ist, dass wir mit 200 bis 300 Zuschauern mehr pro Spiel finanziell schon deutlich besser dastehen würden.


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