Zuschauer zum Hinsehen zwingen

Regisseur Mischa Hedinger will mit «Assessment» auch seine eigene Haltung zum Schweizer Sozialstaat zeigen und dabei die «hochgekochte Diskussion um Missbräuche» umgehen. Der Film wird morgen erstmals im Kinok gezeigt.
13. Januar 2014, 02:36
GERI KREBS

Herr Hedinger, der Schweizer Sozialstaat und die Menschen, die von ihm abhängig sind, sind noch kaum so angegangen worden wie nun in «Assessment». Gab es für Sie eine Art Initialzündung, sich ausgerechnet dieser Thematik anzunehmen?

Mischa Hedinger: Das lässt sich kaum beantworten, denn das Projekt hat sich langsam entwickelt. So hatte ich noch in der Filmschule einmal den Kurzfilm «Herumstehen mit meiner Generation» realisiert. Mit einigen weniger starren Tableaus warf ich darin die Frage auf, warum meine Generation sich wenig für drängende politische Fragen interessiert. In meinem Diplomfilm «Standby» porträtierte ich dann einige Kunden in einem Mediamarkt, liess sie von sich erzählen und zeigte dabei diese Warenwelt als Sehnsuchtsort. Später fiel mir ein Interview mit dem abtretenden Chef der Caritas in die Hände, in dem er von Armut in der Schweiz, dem reichsten Land der Welt, sprach. Das interessierte mich, und dazu kamen in jener Zeit nach dem Ende meines Studiums Erlebnisse ehemaliger Mitstudenten, die sich gezwungen sahen, aufs RAV zu gehen, weil sie keine Arbeit fanden. Für mich war auch klar, dass ich Glück hatte, dass mir das erspart blieb.

Würden Sie all das rückblickend als unbewussten Prozess bezeichnen, der zu «Assessment» führte?

Hedinger: Ja. Jedenfalls reifte mit der Zeit bei mir die Idee zu einem Dokumentarfilm über Menschen im Schweizer Sozialstaat, der nicht einzelne Schicksale ins Zentrum stellen sollte, und schon gar nicht jene hochgekochte Diskussion um Missbräuche im Sozialwesen. Vielmehr ging es mir um die Frage, was das für ein System ist, in dem sich diese Menschen befinden.

Das ist Ihnen hervorragend gelungen, denn «Assessment» besticht durch seine Formstrenge. Eine häufige Einstellung ist jene, in der eine starre Kamera vom hinteren Ende des langen Tisches die befragte Person ins Zentrum rückt, derweil links und rechts die Vertreter der Institutionen nur im Profil zu sehen sind. Das Gefühl des Ausgeliefertseins wird so verstärkt. War das Absicht?

Hedinger: Man kann das so sehen. Klar ist für mich, dass bei einem Film die Form so zentral ist wie der Inhalt. Das heisst hier auch: Keine Interviews, kein Kommentar, die Kamera beobachtet nur – «Assessment» ist direct cinema. Ich wollte mit «Assessment» einen Film machen, der politisch ist, weil er mit dem Zuschauer etwas anfängt, ihn zwingt, an einem Ort genau hinzusehen, wo man sonst nicht hinsieht. Dabei sollte auch meine eigene Haltung erkennbar sein.

Wie ist Ihre Haltung?

Hedinger: Der Wurm steckt im System, und dabei sollte man sich Fragen stellen wie: Gibt es für alle Arbeit? Was ist eine sinnvolle Arbeit?

Ihr Film betritt ja heikle Bereiche des Persönlichkeitsschutzes. Wie haben Sie es geschafft, das überhaupt alles filmen zu können?

Hedinger: Ich habe zuerst auf der Seite der Institutionen begonnen, denn ich wusste, dass es dort mehr Überzeugungsarbeit brauchte. Ich konnte dann den betreffenden Leuten klar machen, dass es mir darum ging, die Komplexität ihrer Arbeit zu zeigen und nicht darum, sie zu kritisieren – dennoch wirken die Vertreter der Institutionen oft hilflos bei ihrer Aufgabe, die aus dem System gefallenen Menschen wieder ins Arbeitsleben zu integrieren.

Bei der Premiere des Films an der Duisburger Filmwoche im November sprachen Sie davon, dass Sie gewisse Bedenken hatten, der Film könne unter Umständen Beifall von der falschen Seite erhalten.

Hedinger: Ja, aber bis jetzt habe ich noch keine Einladung von der SVP erhalten, «Assessment» an einem Puurezmorge zu präsentieren (lacht).

Premiere: Di, 14.1., 20.30, Kinok, St. Gallen (Regisseur Mischa Hedinger und Soziologe Peter Schallberger sind anwesend); Mo, 20.1., 19.00; Do, 30.1., 18.45

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