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Tagblatt Online, 14. Juli 2012 01:34:00

Vogel-Waisen sind weit gereist

Wildvogelstation Kreuzlingen Zoom

Schnabel auf: Ersatzmutter Elisabeth Eberle füttert die drei jungen Rotschwänzchen und den Zaunkönig (ganz links) mehrmals täglich. (Bild: Nana do Carmo)

Vier Rotschwänzchen hatten ihr Nest in einem Radkasten eines Lastwagens. Unbemerkt fuhren sie aus Tschechien nach Amriswil mit. Elisabeth Eberle päppelt sie nun in Kreuzlingen auf.

NICOLE D'ORAZIO

KREUZLINGEN. Die vier Vögelchen sitzen in ihrem Käfig alle eng beieinander und piepsen so laut sie können. Sie haben Hunger. Elisabeth Eberle ist zur Stelle. Mit einer Pinzette nimmt sie kleine Häppchen aus der Futtermischung und stopft die kleinen Schnäbel. Die Piepmatze haben schnell genug und verdauen bei einem Nickerchen. «Es dauert nicht lange und sie sind wieder wach und wollen wieder was», sagt sie und lacht.

Elisabeth Eberle leitet die Wildvogelstation des Tierschutzvereins Kreuzlingen und kümmert sich um die verschiedensten Vögel und Enten, die bei ihr abgegeben werden. Derzeit ist Hochbetrieb, die Käfige und Volieren sind voll. «Es gibt viele Schnäbel zu stopfen. Bin ich einmal durch, kann ich gleich wieder von vorne anfangen.»

Ihre grösste Aufmerksamkeit gehört derzeit drei Rotschwänzchen. Seit einer Woche sind sie bei der 60-Jährigen. «Sie haben eine lange Reise hinter sich. Sie kommen aus Tschechien.» Die Vögelchen hatten in einem Radkasten eines Lastwagens ihr Nest. «Dieser war innen hohl und ein gutes Versteck.» Der Chauffeur hatte sie nicht bemerkt und machte sich auf die lange Fahrt nach Amriswil. Die Mutter blieb zurück.

Strapazen waren zu gross

Am Zielort hätten Arbeiter irgendwann das klägliche Piepsen gehört und die Vögelchen gefunden, erzählt sie. «Die Männer telefonierten rum und kamen über Umwege zu mir.» Die vier seien halb verfroren und klitschnass gewesen, erzählt Eberle, die den Spitznamen Vogellisi erhalten hat. Für das Jüngste seien die Strapazen leider zu gross gewesen. Es starb nach ein paar Tagen. «Da kann man nichts machen. Die Natur sortiert knallhart aus.»

Die drei Rotschwänzchen haben mittlerweile ein neues «Geschwisterchen» erhalten. Einen kleinen Zaunkönig, der am Bahnhof von einem Buben am Boden gefunden wurde. «Es ist nie ein Problem, Jungtiere verschiedener Vogelarten zusammenzutun», sagt Elisabeth Eberle. «Sogar solche, die sich später jagen.»

Die Vögelchen bleiben rund vier Wochen in der Wildvogelstation. «Sie müssen lernen, richtig zu essen und natürlich auch zu fliegen», sagt die Betreuerin. «Es dauert natürlich länger, als wenn ihnen das Muttertier alles beibringt.» Sind sie für das Leben in Freiheit bereit, lässt Elisabeth Eberle einfach die Klappe der grossen Voliere offen. «So können sie gehen, wenn sie wollen.» Für sie sei das jeweils ein Abschied mit einem lachenden und einem weinenden Auge. «Natürlich ist es das Ziel, die Vögel auszuwildern. Es ist aber schon schwer, sie gehen zu lassen, da ich mich lange und intensiv um sie gekümmert habe.» Manche Tiere blieben anfangs in der Nähe der Station und entfernten sich nur langsam.

Viele Stunden im Einsatz

Die Vogelstation des Tierschutzvereins Kreuzlingen besteht seit 2004. Elisabeth Eberle ist seit vier Jahren die Ersatzmutter der Tiere. «Die Arbeit bereitet mir grosse Freude, auch wenn sie im Sommer sehr zeitintensiv ist», erzählt sie. Derzeit nehmen sie die Vögel von sieben Uhr bis 20 Uhr in Anspruch. Neben dem Füttern gehört auch viel Putzen dazu. «Die ganz Kleinen nehme ich mit nach Hause. Die haben öfters Hunger.»





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