Tagblatt Online, 25. Mai 2012 01:05:00
Nicht noch mehr Baustellen
Rege Bautätigkeit in Tägerwilen: Auf der Baustelle Leberen beim Bahnhof Dorf entstehen zwei grosse Mehrfamilienhäuser mit 28 Wohnungen. (Bild: Donato Caspari)
TÄGERWILEN. Mit der Petition «4000 sind genug» hat Christian Schwarz in Tägerwilen für Gesprächsstoff gesorgt. Der Biolandwirt setzt sich dafür ein, dass im Dorf nicht weiter gebaut wird. Bisher hat er über 400 Unterschriften gesammelt.
NICOLE D'ORAZIO
Tägerwilen hat derzeit 3999 Einwohner. Für Christian Schwarz sind das genug. Die rege Bautätigkeit ist ihm ein Dorn im Auge. «Die Infrastruktur im Dorf wird langsam knapp», sagt der Biolandwirt. «Die Kläranlage, die Schulhäuser und Kindergärten stossen an ihre Grenzen.» Er befürchtet, dass neue Kosten auf die Dorfbewohner zukommen, eventuell sogar Steuererhöhungen. «Ich bin dagegen, dass noch mehr Häuser und Wohnungen gebaut werden. Tägerwilen soll ein Dorf bleiben, wo es auch ein paar grüne Flecken und Freiraum gibt.»
Aus diesem Grund hat Schwarz Ende April die Petition «4000 sind genug» lanciert und mittlerweile über 400 Unterschriften gesammelt. Im Dorf hat er mit seiner Aktion für viel Gesprächsstoff gesorgt. «Es war mein Ziel, die Leute wachzurütteln und mit den Problemen zu konfrontieren», begründet er. Zudem habe er den Behörden ein Zeichen geben wollen, dass viele Tägerwiler über den Bauboom nicht glücklich seien. «Bei der Raumplanung soll beachtet werden, dass nicht noch mehr Bauland eingezont wird.» Die Petition könne der Behörde als Hilfsmittel dienen, ist er überzeugt.
Übergabe in zwei Wochen
Je mehr Leute unterschreiben, desto aussagekräftiger sei die Petition, sagt Schwarz. «In zwei Wochen möchte ich diese dem Gemeindeammann übergeben.» Der Biolandwirt hofft, dass noch einige Unterschriften hinzukommen. «Ich habe bisher fast nur positive Reaktionen erhalten. Auch von Leuten, die in anderen Gemeinde wohnen und dort mit den gleichen Problemen zu kämpfen haben.»
Dass sich ihm gegenüber kaum jemand negativ über seine Aktion geäussert hat, findet der Tägerwiler etwas komisch. «Ich fände es gut, wenn auch diejenigen hinstehen, die mit meiner Meinung nicht einverstanden sind und das Wachstum wollen. Nur so wird bekannt, was die Leute im Dorf wirklich denken.»
Markus Thalmann, Gemeindeammann von Tägerwilen, ist nicht der Meinung von Christian Schwarz, findet seine Aktion aber eine originelle Idee. «4000 Einwohner sind unrealistisch. Mit der derzeitigen Bautätigkeit wird das Dorf in den nächsten fünf bis sechs Jahren sicher um 400 Personen anwachsen», sagt er. In der Raumplanungsgruppe habe man jedoch schon vor Schwarz' Petition Diskussionen über dieses Thema geführt und sei zum Entschluss gekommen, kaum mehr einen Quadratmeter einzuzonen. «Höchstens noch wenige Einfamilienhäuser, aber keine grosse Wohnzonen mehr.» Im Dorf seien innere Reserven vorhanden.
Kläranlage ein Thema
Bezüglich der noch freien Kapazitäten der Schulen und Kindergärten gibt Thalmann Entwarnung. «Bis zu 800 Einwohner mehr, wären kein Problem.» Die Kläranlage hingegen stosse wirklich bald an ihre Grenzen, sagt er. Vor allem das florierende Gewerbe würde diese stärker belasten. «In der Behörde beobachten wir diese Situation bereits seit zwei Jahren. Bald wird diesbezüglich etwas kommen.»
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Kommentare lesen
deich (25. Mai 2012, 09:44)
Korrigendum
"Westlich" ist durch "östlich" zu ersetzen! Aufmerksame (vor Ort) haben den Fehler wohl bereits erkannt. Entschuldigung!
Beitrag kommentierendeich (25. Mai 2012, 08:45)
Zweifelhaft
Jede Ortschaft hat ihre eigene Dynamik. Hier, an der Grenze zur EU, ist eine Art prosperierende "Sonderzone" entstanden, die sich im Grossraum Münsterlingen/Scherzingen-Bottighofen-Kreuzlingen-Tägerwilen (rund 30'000 Einwohner) besonders bemerkbar macht. Was Tägerwilen betrifft, so wird die Entwicklung in den kommenden Jahren wohl massvoller weitergehen, als gegenwärtig. Dabei ist die Entwicklung, soweit dies das Ortsbild betrifft, von einer geschickten, sinnvollen, ästhetischen Planung abhängig. Hier ist besonders im westlichen Ortsteil um den alten, wie um den neuen Bahnhof herum viel architektonisch und ortssplanerisch Zweifelhaftes entstanden, austauschbares Mittelmass bei zu grosser Masse der einzelnen Baukörper. Einem "Biobauer" muss das einfach auffallen, aber auch Beobachter der regionalen Baukultur haben da so ihre Schwierigkeiten! Die Grenzen der Infrastruktur werden ebenso sichtbar. Breite Denkprozesse sind erforderlich.
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