Tagblatt Online, 03. Mai 2012 07:23:00
Keine Polizeistunde im Fohrenhölzli
Walter Baumberger hat eine Chronik über das 100jährige Fohrenhölzli geschrieben. (Bild: Bilder: Nana do Carmo)
KREUZLINGEN. Seit 100 Jahren steht das Schützenhaus Fohrenhölzli. Der ehemalige Schütze Werner Baumberger hat zu diesem Jubiläum eine Chronik über das Schützenhaus verfasst. An zwei Wochenenden im Mai veranstaltet der Verein zudem ein Jubiläumsschiessen.
MICHèLE VATERLAUS
«Nach 60 Jahren verbindet mich natürlich einiges mit diesem Haus», sagt Werner Baumberger, während er durch das Schützenhaus Fohrenhölzli geht. Obwohl der 83-Jährige heute kein aktiver Schütze mehr ist, hat er zum 100jährigen Bestehen des Schützenhauses dessen Geschichte niedergeschrieben. Als Basis hat er die Chronik benutzt, die er mit Fritz Bärlocher bereits zum 100-Jahr-Jubiläum des Schützenvereins 1981 geschrieben hat. «Damals habe ich alle Jahresberichte des Vereins gelesen, mit ehemaligen Präsidenten und langjährigen Mitgliedern gesprochen.» Einiges weiss Werner Baumberger aus eigener Erfahrung: Die ersten Kontakte zum Schiessen hatte er 1947 in einem Jungschützenkurs, seit 1952 ist er Mitglied im Schützenverein. «Eigentlich bin ich da reingerutscht aus Zufall. Ich musste am Kantonalschützenfest aushelfen, weil ein Vereinsmitglied ausgefallen war», sagt Baumberger. Er trat dem Verein bei und war von 1963 bis 1974 sogar Präsident der damaligen Stadtschützen. Dennoch ist Werner Baumberger nicht etwa der Vereinschronist. «Ich mache das aus purem Interesse am Haus und an seiner Geschichte.»
Die Bahn mitten durchs Gelände
Beim Rundgang durch das «Fohrenhölzli» wird klar: Nicht vieles zeugt noch von den alten Zeiten von 1912. Lediglich eine Jahreszahl beim Eingang, das Mansardengibeldach sowie zwei Grubentelefone. «Mit diesen telefonierte man, damit die Scheiben am Schiessstand gewechselt wurden», sagt Baumberger.
Er erzählt, dass die Geschichte des «Fohrenhölzli» bereits vor seinem Bestehen begonnen hat. Früher stand das Schützenhaus auf dem Gaissberg, westlich der Sägenöschstrasse. Es wurde im Jahr 1900 erbaut. Dann wurde der Bau der Mittelthurgaubahn (MThB) vorangetrieben. Das Trassee der Strecke Bernrain-Lengwil sollte mitten durch das Gelände des Schiessareals führen. «Die MThB hat den Schützen das Haus abgekauft», sagt Baumberger. Doch die MThB hätte den Schützen «nur» 10 000 Franken geboten. «Sie haben den Fall bis vor Bundesgericht gezogen und schliesslich 20 000 Franken bekommen.» Das Geld wurde in den Bau des «Fohrenhölzli» investiert.
Schiessen kurzzeitig verboten
Seitdem ist vieles passiert, Werner Baumberger kann viele Fakten aufzählen. So kam der Betrieb im Schützenhaus während des Ersten Weltkrieges fast zum Erliegen, mangels Munition. 1922 fand im «Fohrenhölzli» das erste Kantonalschützenfest statt. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte ein eidgenössischer Schiessplatzexperte das Schiessen im Fohrenhölzli wegen Sicherheitsmängel verboten. Am dritten Kantonalschützenfest in Kreuzlingen 1973 kamen zum erstenmal Scheiben mit elektronischer Trefferanzeige zum Einsatz.
Doch das Schützenhaus ist für Werner Baumberger weitaus mehr als diese Jahreszahlen. «Ich war früher regelmässig hier oben», sagt er. Die gemeinsamen Vereinsausflüge und Wettkämpfe hätten den Verein zusammengeschweisst, Freundschaften sind entstanden. Im Schützenhaus zeugen Fahnen und Pokale von den Triumphen der Schützen an Wettkämpfen. Diese werden insbesondere in der Schützenstube, dem Herzen des «Fohrenhölzli», ausgestellt. «Hier hatten wir mit dem Vorstand viele, lange Sitzungen», sagt Baumberger und lacht verschmitzt. «Eine Polizeistunde gab es hier oben natürlich nie.»
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