Tagblatt Online, 19. Juni 2012 01:03:00
«Die Flaggen auf Halbmast»
Die Mowag an der Unterseestrasse baut massiv Personal ab. (Bild: Donato Caspari)
KREUZLINGEN. Bei der Mowag werden 270 von 928 Stellen abgebaut. Parteien und Verbände sprechen von einem «Schock für Kreuzlingen», der unerwartet kam, aber nicht überrascht. Die Mitarbeiter dürfen keine Auskunft geben.
URS BRÜSCHWEILER
Die Mitarbeiter gehen den Medien aus dem Weg. Gegen 17 Uhr gestern abend verlassen Angestellte der Mowag ihren Arbeitsplatz an der Unterseestrasse in Richtung Feierabend. Es war ein harter Tag für sie. Darüber reden dürfen sie aber nicht. Das sei strikt untersagt worden, wie mehrere von unserer Zeitung angefragte Angestellte betonen.
Wen es trifft, ist noch unbekannt
Die Belegschaft der General Dynamics European Land Systems-Mowag (GDELS-Mowag) in Kreuzlingen erfuhr heute im Laufe des Tages, dass 270 der rund 928 Stellen abgebaut werden. Die Mitarbeiter wissen aber offenbar noch nicht, wen unter ihnen es treffen wird. In etwa zwei Wochen wüssten sie vielleicht mehr.
Für Kreuzlingen ist dieser massive Stellenabbau ein Schock. Beim grössten Arbeitgeber in der Stadt geht fast jede dritte Stelle verloren. In ersten Reaktionen äusseren sich die lokalen Verbände und Parteien konsterniert.
«Wir können die Flaggen in Emmishofen auf Halbmast setzen», sagt Christian Brändli. Er ist Präsident des Quartiervereins, in welchem die Mowag angesiedelt ist, FDP-Gemeinderat und hat seine eigene Firma in der unmittelbaren Nachbarschaft. «Himmeltraurig» sei diese Nachricht für ein Kreuzlinger Traditionsunternehmen. Bei der Mowag hätten die Mitarbeiter schon oft gezittert und auch in kürzerer Vergangenheit hätte er von Angestellten munkeln gehört, es laufe nicht so rund.
Die Krise ist angekommen
Die Stadtregierung ist über die Anzahl der Entlassungen schockiert. Stadtammann Andreas Netzle schreibt in einer Stellungnahme: «Die individuellen, aber auch die volkswirtschaftlichen Folgen erfüllen den Stadtrat mit grösster Sorge.» Mit dieser Massenentlassung sei die Wirtschaftskrise sicht- und spürbar in der regionalen Industrie angekommen. «Sehr besorgt» zeigte sich auch Jürg Kocherhans, Präsident des Kreuzlinger Arbeitgeberverbandes (AGV). Und zwar um die Betroffenen, um die Mowag und auch um den Standort Kreuzlingen. «Es beginnt jetzt eine Zeit, die sicher nicht einfach ist.»
SP-Präsident Cyrill Huber sprach von einem «massiven Verlust» und einem «Schock». Er will sich mich der Gewerkschaft Unia absprechen, was man machen könne. Es sei wichtig, dass man die Betroffenen sehr persönlich in Kreuzlingen betreue. «Das sind 270 Arbeitsplätze und 270 Einzelschicksale», so Huber.
«Ein harter Schlag» sei das und «sehr traurig» für Kreuzlingen, sagt auch SVP-Präsident Fabian Neuweiler.
Allen Befragten gemein ist die grosse Sorge um die sehr zahlreichen langjährigen Kreuzlinger Mitarbeiter des Traditionsunternehmens. «In der heutigen Wirtschaftslage wird es nicht einfach sein für sie, eine gleichwertige Arbeit zu finden», sagt Huber.
Wie viele der 270 abzubauenden Stellen Temporärmitarbeiter betreffen, war gestern abend noch nicht bekannt. Laut der Unia sollen es 65 sein. Wie viele von der Stammbelegschaft es treffe, ist für Arbeitgeberpräsident Kocherhans wichtig. «Wir hoffen, dass es möglichst wenige sind.» Der AGV könne vielleicht mit seinem Netzwerk helfen Beziehungen zu anderen Unternehmen herzustellen. Allgemein werden die Angestellten der Mowag als gut ausgebildet eingeschätzt.
Die amerikanische Philosophie
Die Partei-Vertreter von FDP, SVP und SP sparten nicht mit Kritik an der ausländischen Konzernführung der Mowag. Brändli und Neuweiler sagten, dass sei eben die amerikanische Philosophie. «Da geht es von heute auf morgen», so der SVP-Präsident. «Da hört man nichts. Es ist alles sehr unpersönlich», sagt der SP-Präsident.
wirtschaft ostschweiz 28
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deich (19. Juni 2012, 09:47)
Fahnen
Da nützt alles Lamentieren nichts! Und Fahnen "auf Halbmast" (Brändli) sind eine "sau dumme" Reaktion auf ein Ereignis, das fast täglich in der Schweiz zu registrieren ist. Die Gründe, warum eine Umstrukturierung erfolgt, sind sicher zahlreich. Sie beginnen mit der berühmten "SNB-Verteidigung des Frankens" auf dem bekannten Niveau und gehen über zu den Exportvorstellungen von Kriegsfahrzeugen aus einem neutralen (!) Land und anderen Bedingungen. Man konnte sich diese Situation schon immer vorstellen. Nun ist sie eben da. Bereits früher haderte die Neher AG mit dem gleichen Schicksal in einer allerdings anderen, aber eben auch damals "zeitgemässen Konstellation" der weltumspannenden Wirtschaft und den Finanzjongleuren. Die Zeit grosser Fabriken ist in der Schweiz vorbei. Winterthur, Arbon, Genf usw. als typische Referenzen! Nachbar Konstanz muss derzeit ebenso reagieren (Takedo). Auch Kreuzlingen geht nicht unter. Also: Zusammenarbeiten!
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