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Tagblatt Online, 21. April 2012 01:06:48

Der grosse Nachbar spickt beim kleinen

Konstanzer Bahnhofplatz Zoom

Die Konstanzer Passanten überqueren ab Juni an dieser Stelle den «Stadtboulevard». (Bild: Nana do Carmo)

Wer hat's erfunden? Die Kreuzlinger! Sie haben ihre Hauptstrasse zur Begegnungszone umfunktioniert, Tempo 20 eingeführt und seit der Eröffnung des Boulevards unzählige Stunden über Erfolg und noch viel mehr über das Scheitern des neuen Verkehrskonzepts diskutiert. Sie haben Autofahrer mit wilden Gesten auf die neue Vortrittsregelung aufmerksam gemacht, die Gartenbeizen herausgeputzt – mindestens ein bisschen – und sich manches Gejammer von Detaillisten über die drohenden Konsequenzen einer möglichen Fussgängerzone angehört.

Konstanz hat mehr von allem

Da hat man mal eine Idee, will sich positionieren, den Standort stärken. Nicht immer zweiter sein nach der Stadt, in die täglich so viele Schweizer zum Flanieren und Einkaufen pilgern, weil sie einfach mehr von dem hat, was viele suchen: mehr Läden, mehr Beizen, mehr Flair. Just die Konstanzer kommen jetzt und machen den Kreuzlingern auch noch die neuste Erfindung nach, den geliebten wie gehassten Boulevard.

Der «Stadtboulevard»…

Eine richtige Fussgängerzone haben die deutschen Nachbarn natürlich längst. Jetzt geht es darum, den Bereich vor dem Bahnhofplatz, vom Lago bis zur Marktstätte, aufzuwerten. Die Strasse bleibt, die Autos dürfen weiterhin fahren. Aber Achtung: nur noch mit 20 Stundenkilometern. Der Strassenraum wird enger, dafür bekommen die Fussgänger mehr Platz, vier stolze und zusätzliche Meter. Die Velofahrer erhalten sogar einen eigenen Radweg. «Stadtboulevard» nennen die Konstanzer ihr neustes Kind. Erst wird es als Versuch lanciert. Wenn es erwachsen ist, soll es die Zahl der Fahrzeuge um einen Drittel reduziert haben.

…wird zum Vorzeigemodell

Sogar bei der Farbwahl haben die Konstanzer nach Kreuzlingen geschielt. Für die visuelle Präsentation des «Stadtboulevards» wurde das gleiche frische Lindgrün gewählt. Ist das Kreuzlinger Modell also gar nicht so schlecht, wie viele schimpfen? Im «Südkurier» steht, die Fachwelt beobachte den «Konstanzer Versuch» mit grosser Aufmerksamkeit. Bürgermeister Kurt Werner werde demnächst an einem Kongress zur Baukultur in Hamburg darüber berichten. Hoffentlich schreitet dort Erich Vock auch ein wie als Held in der Ricola-Werbung.

Martina Eggenberger Lenz




Leser-Kommentare:
1 Beitrag

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deich (21. April 2012, 09:30)
Nicht gleich

Der Unterschied ist auch, dass die Fahrzeuge am Konstanzer Bahnhof mit 20 vorbei schaukeln werden und die Lastwagen weitestgehend verbannt sind, am Kreuzlinger Stadtbahnhof z.B. dagegen überaus reger Lastwagenverkehr im 50er Tempo herrscht. Für Konstanz hat die Änderung eine wichtigere Bedeutung, da es tatsächlich das gesamte Bahnhofsgebiet optisch und verkehrsberuhigend aufwertet. Hingegen ist am Kreuzlinger Hauptstrassenboulevard zum "Früher" kein wesentlicher Unterschied markant: Das Tempo hatte bereits bei der Vorgängerstrasse deutlich weniger als 50 betragen. Das Überqueren der Chaussee war gut möglich. In Konstanz müssen derzeit Ampeln den viel grösseren Publikumsverkehr steuern. Und im Gegensatz zu Kreuzlingen bekommen die Radler ihre Spur. In Kreuzlingen reduzieren sie im "Verkehrsfluss" die allgemeine Geschwindigkeit gewollt gegen null. Auf beiden Seiten der Grenze wird noch experimentiert. Man tausche sich entsprechend aus!

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