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Tagblatt Online, 09. August 2008 01:05:30

Wo die Sterne herkamen

Gebrüder Koch erlebten am 1. August den letzten Ansturm auf ihr Feuerwerk

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Produktionsstätte im Wald: Mit seinem Bruder Werner hat Peter Koch hier jahrelang Vulkane produziert. (Bild: Bild: Nana do Carmo)

Kreuzlingen. 168 Jahre lang wurden in Kreuzlingen Raketen hergestellt. Die Pyrotechnische Fabrik Müller AG kümmerte sich jedes Jahr um das Feuerwerk am Seenachtsfest. Nun wird alles anders: Die Feuerwerkstätte wird Ende Monat abgerissen.

Annina Flaig

So laut ein Feuerwerk knallt, so leise ist der Ort, an dem es einst hergestellt wurde: Ein vergessener Handschuh liegt am Boden. Moos hat angesetzt. Die Spritzkanne ist umgekippt. «Bitte läuten», steht auf ein Stück Karton gekritzelt. Da öffnet sich eine Holztür, und jemand sagt: «Grüezi wohl.»

Die Pyrotechnische Fabrik Müller AG in Emmishofen ist 168 Jahre alt. Bis vor eineinhalb Jahren wurden hier Vulkane hergestellt und in die ganze Schweiz und ins nahe Ausland geliefert. Die Fabrik hatte Charme. Das wissen die Kreuzlinger, die sich hier jedes Jahr mit Feuerwerk eindeckten. «Bei euch einkaufen ist irgendwie speziell»: Das durften Peter und Werner Koch immer wieder hören. Am 1. August erlebten sie den letzten Ansturm. Seither ist es still geworden an der Konstanzerstrasse. Ende Monat wird das Gebäude abgerissen. Der Standort in der Stadt ist für eine Feuerwerks-Fabrik nicht ideal. Auch mit billigen Produkten aus Asien konnten die Gebrüder Koch nicht mithalten. Vor einem Jahr haben sie deshalb Teile des Areals einer Immobilienfirma verkauft, die Wohnblocks errichten wird. «Solange wir nicht bauen, könnt ihr bleiben», habe es geheissen. Die Kochs haben das genossen. Emotional aber hätten sie längst mit allem abgeschlossen, sagen sie.

Von Beruf Feuerwerker

Die Pyrotechnische Fabrik Müller AG in Kreuzlingen war jahrelang für das Feuerwerk am Seenachtsfest zuständig. Heute abend wird jemand anders die Zündschnur zünden. Seit dies elektronisch funktioniert, hat es für Peter Koch an Reiz verloren. Früher habe man schnell wegrennen müssen. Das hat er gemocht. «Da konnte ich auch noch richtig rennen», lacht der 69jährige.

«Feuerwerker» hat er jeweils geantwortet, wenn jemand nach seinem Beruf gefragt hat. Später hat er sich «Pyrotechniker» genannt. «Das klingt moderner.» Eine richtige Ausbildung gebe es für diesen Beruf nicht. Wie man grosse Funken macht und am Himmel Sterne erzeugt, hat ihm sein Onkel Eugen Müller gezeigt. «Du musst halt ausprobieren», habe dieser gesagt. Und so habe er 45 Jahre lang «gezöslet», sagt Peter Koch.

Lagerhallen in Erdwallen

Vor der Scheune liegen leere Abschussrohre und in den Bunkern ennet dem Saubach lagern die letzten Bomben. Die Lagerhallen sind in Erdwalle eingegraben. Aus Sicherheitsgründen wurden Anfang des letzten Jahrhunderts Hecken und Bäume gepflanzt. Aus ihnen ist ein Wald geworden. Mitten im Dickicht steht die alte Pulvermühle aus Eichenholz, weiter hinten die Presse – das eigentliche Herzstück der ehemaligen Fabrik. Der Geruch von Schwefel und Salpeter liegt noch immer in der Luft. «Wer die Nase rümpft, ist kein Liebhaber», stellt Koch fest. Er selbst nimmt die Gerüche kaum mehr wahr.

Bauvisiere stehen

Seine Wohnung hat Peter Koch bereits geräumt. Wo einst sein Garten war, stehen Bauvisiere. Dazwischen, etwas versteckt, ein Käfig. Er müsse noch die Katze einfangen, sagt Koch. Sie gehöre nicht ihm. Er habe sie nur jahrelang gefüttert. Dann geht er. Mit dem Abbruch der alten Produktionsstätte wird eine lange, bewegte Geschichte zu Ende gehen. Peter Koch weiss noch nicht, ob er dabei zusehen wird.





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