Tagblatt Online, 07. August 2010 01:01:11
Städte tragen Sozialhilfekosten
Ulrich Piepers von den Sozialen Diensten versucht in Erstgesprächen festzustellen, wo der Schuh am meisten drückt. (Bild: Bild: edc)
KREUZLINGEN. Von den 19 000 Einwohnern in Kreuzlingen wurden im Jahr 2009 688 durch die öffentliche Sozialhilfe unterstützt. Für 2010 rechnet die Stadt mit einem weiteren Kostenanstieg bei den Sozialhilfekosten.
martin bänziger
«Die Thurgauer Städte sind in erster Linie die Träger der Sozialhilfekosten», ist der Kreuzlinger Stadtrat und Sozialminister Renato Canal überzeugt. Und auch der kommunale Leiter der Sozialen Dienste, Alfred Saam, fordert, dass die zusätzlichen Leistungen der Zentrumsgemeinden besser abzugelten seien. Wenn in Kreuzlingen von 1000 Einwohnern 36 Sozialhilfe bezögen und in Thurgauer Landgemeinden es noch sechs Personen seien, sei auch klar nachgewiesen, dass die Urbanität ein Mehrfaches an Sozialhilfekosten verursache.
Zudem hätten die Sozialhilfekosten 2009 ohne Einbezug der Alimentenhilfe 96 Franken pro Kopf der Kreuzlinger Bevölkerung ausgemacht, der Nettoaufwand ohne Alimentenhilfe habe 1,818 Millionen Franken betragen. Der kantonale Durchschnitt liege jedoch bei nur 80 Franken pro Kopf der Bevölkerung. Stadtrat Canal zieht noch eine weitere Kennzahl als Beweis heran: So trugen die drei Städte Frauenfeld, Kreuzlingen und Arbon 2009 rund einen Drittel der gesamten Netto-Sozialhilfekosten im Kanton.
Verschiedene Gründe
Canal und Saam sehen grundsätzlich sechs Gründe, die zur ungleichen Belastung zwischen Städten und Landgemeinden geführt haben. So würden Städte immer eine grössere Arbeitslosigkeit aufweisen als Landgebiete; in Kreuzlingen liege sie momentan bei fast fünf Prozent. Hinzu kämen viele Geschiedene, Single-Haushalte und Alleinerziehende. Zudem spiele die Ausländerstruktur eine Rolle, nach der in Kreuzlingen 49 Prozent der Bevölkerung ohne Schweizer Pass seien. Und schliesslich über die Grenzlage für Sozialhilfebezüger eine eigenartige Sogwirkung aus. Offenbar gelte, dass ein Leben in der Nähe von Konstanz grundsätzlich attraktiver sei.
Renato Canal ist ausserdem überzeugt, «dass wir 2010 höhere Sozialhilfekosten haben als 2009, nur wissen wir noch nicht, wie viel höher sie ausfallen werden». Der Mechanismus spiele so, dass 2008 auch leistungsschwächere Arbeitskräfte von der Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt profitiert hätten. Die anschliessende Arbeitsmarktkrise habe sie gezwungen, Arbeitslosengeld zu beziehen. Nun würden diese Personen ausgesteuert und kämen sukzessive zur Sozialhilfe.
Weiter werde es immer schwieriger, sogenannte «Sozialhilfe-Rentner» wieder in den ersten Arbeitsmarkt zurückzuführen, weshalb sich die Sozialen Dienste in Kreuzlingen auch auf längerfristige Unterstützung einrichten müssten.
Anstieg verlangsamt
Und Alfred Saam ergänzt, interessant sei die Tatsache, «dass Ende 2009 die Sozialfälle zwar markant zugenommen haben, in den letzten drei Monaten jedoch eine Abflachung festzustellen ist.» Er könne nicht beurteilen, ob der verlangsamte Anstieg der Fallzahlen von kurzer Dauer sei oder das ganze Jahr anhalten werde. Die Sozialen Dienste würden jedoch fortfahren, ein stadteigenes Beschäftigungsprogramm mit einem Angebot von niederschwelligen Arbeitsplätzen anzubieten. Alfred Saam ist überzeugt, dass mit den «Dienstleistungszentrum 4You», dem «Atelier Sacchetto» und der «Sozialzeit für das Alter» wirksame Projekte geschaffen worden sind, um auf steigende Sozialkosten die richtige Antwort zu geben. Und Stadtrat Canal ergänzt: «Mit diesen Sozialprojekten erfassen wir jeden Sozialhilfebezüger, der im Rahmen seiner persönlichen Möglichkeiten eine Gegenleistung für die Unterstützung durch die Stadt erbringt.»
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