Mietstreit in Kreuzlingen: Die Politik schaltet sich ein

KREUZLINGEN ⋅ An der Reutistasse müssen 70 günstige Wohnungen einem Neubauprojekt weichen. Der Stadtrat wird aktiv und sucht das Gespräch mit den Eigentümern. Es geht um eine faire Behandlung der Mieter.
06. April 2018, 15:54
Martina Eggenberger Lenz
Die Geschichte der Mieter von der Reutistrasse, die ihre Wohnungen verlassen müssen, weil sie abgerissen werden, bewegt die Kreuzlinger. Auch den Stadtrat hat sie beschäftigt. «Nachdem ich davon gelesen habe, habe ich umgehend eine Sitzung einberufen», erzählt Stadtpräsident Thomas Niederberger. Zusammen mit Stadträtin Barbara Kern werde er nächste Woche die Eigentümer der Liegenschaft treffen, um sich aus erster Hand über die Pläne informieren zu lassen.

«Bei der Kernsanierung des Helvetia-Patria-Hauses an der Bachstrasse hat dies der Stadtrat auch getan. Mit Erfolg.» Damals gab es Zugeständnisse an die Bewohner der 50 Wohnungen. Das möchte der Stadtpräsident auch im Fall der Reutistrasse erreichen. «Es soll eine verträgliche Lösung für die Mieter geben», betont Niederberger.
 

Aus ökonomischer Sicht nachvollziehbar

In den 50 Jahre alten Blocks wohnen die meisten für weniger als 1000 Franken. Viele befürchten, sie werden keinen gleich günstigen Ersatz finden. Der Stadtpräsident versteht diese Ängste. In Kreuzlingen sei erkennbar, dass ältere Immobilien durch Sanierungen oder Ersatzneubauten verteuert würden. Das könne für alleinstehende Niedrigverdiener oder Familien mit tiefem Einkommen zum Problem werden.

Für Investoren sei der Kauf solcher Liegenschaften hingegen interessant, weiss Makler Simon Gürkan von Goldinger Immobilien. Vor allem deshalb, weil man mit ihnen eine gute Rendite erzielen könne. Besonders bei Grossinvestoren sei der Druck zur Renditemaximierung hoch. «Um das Wohlergehen der Mieter geht es dabei leider nicht.» Aus ökonomischer Sicht sei der Entscheid der Eigentümerschaft, die Häuser abzureissen und neu zu bauen, absolut nachvollziehbar, findet Urs Kramer, Geschäftsführer von Kramer Immobilien. «Es ist eine Tatsache, dass alte Wohnungen irgendwann saniert werden müssen.»

Kramer hatte bereits mit einigen Mietern der Reutistrasse Kontakt, weil er an der Romanshornerstrasse ein paar Häuser weiter nach einer Kernsanierungen diverse Wohnungen zu vergeben hatte. Ja, der Preis für diese sei höher, aber man dürfe auch nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Wohnungen unter 1000 Franken würden vom Markt verschwinden. Das Preisniveau sei gestiegen, aber genauso die Löhne. «Teuerungsbereinigt zahlt man heute nicht mehr als vor zehn Jahren.»
 

Andere machen vor, wie es geht

Auch Attila Wohlrab von der Immokanzlei betont, die Mieter von der Reutistrasse hätten «sehr günstig» gewohnt. Es sei in Kreuzlingen aber nach wie vor möglich, bezahlbaren Wohnraum zu finden. Die Immokanzlei betreut zum Beispiel die rund 25 Wohnungsmieter im Haus der ehemaligen Emmishofer Migros. Diese hatten entgegen früherer Aussagen des Investors, der den Komplex saniert, im Herbst die Kündigung erhalten. Jedoch haben sie zwölf Monate Zeit, ein neues Zuhause zu suchen. «Für die meisten haben wir schon etwas gleichwertiges oder sogar günstigeres gefunden», betont Wohlrab. Dass auch der Wohnturm kernsaniert werden müsse, habe man bei Projektbeginn noch nicht ahnen können.

In Kreuzlingen gebe es keinen Notstand, sind sich die Immobilienexperten einig. Ein Unterangebot gebe es einzig bei grösseren Familienwohnungen zu einem günstigen Preis. Dieses Problem hat auch der Stadtrat erkannt. Er unterstützt deshalb die Bemühungen der SP, eine Wohnbaugenossenschaft zu gründen und an der Rieslingstrasse zwölf entsprechende Wohnungen zu bauen. Das Land gehört der Stadt. Sie will es der noch zu gründenden Genossenschaft im Baurecht abgeben. «Die entsprechenden Vertragsentwürfe sind bereits vorbereitet», erzählt Stadtpräsident Thomas Niederberger. «Wir sind sehr daran interessiert, in Zusammenarbeit mit Dritten preisgünstiges Wohnen zu fördern.» Man sehe nebst diesem Startprojekt Potenzial für weitere Überbauungen.
 

Genossenschaft ist noch nicht gegründet

SP-Präsident Cyrill Huber meint auf Anfrage, das Projekt sei auf gutem Weg. Man wolle die Genossenschaft noch vor den Sommerferien gründen. Diese gründe zwar auf einer Idee der SP, sei jedoch offen für alle. Huber nimmt positiv zur Kenntnis, dass sich die politischen Gemeinden in der Region mittlerweile dem Thema von bezahlbarem Wohnraum annehmen. Neben Kreuzlingen suche man bekanntlich auch in Tägerwilen und Münsterlingen nach Lösungen.
 

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