Die Natur ist ihnen nicht gut genug

KREUZLINGEN ⋅ Um den seltenen Lachmöwen ein Zuhause zu bieten, hat Pro Natura Thurgau neue Brutflosse ausgewassert. Diese sollen sie vor gefährlichen Fressfeinden schützen.
13. März 2018, 15:24
Tobias Bolli
Flachmoore, Feuchtwiesen, ein lichter, von Bachläufen durchzogener Laubmischwald: Der Lengwiler Weiher ist eines der grössten Naturschutzgebiete von Pro Natura Thurgau und gilt als eines der schönsten. Lässt man den Blick über den malerischen Grossweiher schweifen, stösst man aber nicht einzig auf Natur. Bald einmal bleibt man in Ufernähe an kleinen Flossen hängen, einige stechen mit ihren blau-orangen Kanistern besonders ins Auge.
Die Flosse erinnern daran, dass der Lengwiler Weiher durchaus nicht sich selbst überlassen wird. Schliesslich soll das Schutzgebiet nicht nur den Augen schmeicheln, sondern möglichst vielen Arten ein Zuhause bieten. Neben dem Biber, Amphibien und Libellen stösst man hier auf die ähnlich seltenen Lachmöwen. Für diese wurden im Dezember die Flosse mit den blau-orangen Kanistern gebaut.
 

Bei Luftattacken flüchten sie in Betonröhren

«Sie sollen den Lachmöwen eine möglichst geschützte Brutmöglichkeit bieten», sagt Stephan Lüscher, Projektleiter Reservate von Pro Natura Thurgau. «Da viele Brutgebiete wegen der Einpferchung der Gewässer verloren gegangen sind, stellen wir ihnen mit den Flossen eine Alternative zur Verfügung.» Oft würden die Lachmöwen ansonsten in den schmalen Ufergebieten zu brüten versuchen – um dann den Nachwuchs an Rotfüchse, Iltisse oder andere Fressfeinde verlieren.
Auf dem Wasser können Jungtiere immer noch Attacken von Oben, namentlich Greifvögeln, zum Opfer fallen. Deswegen enthalten sämtliche Wannen kleine Betonröhren, in welche die jungen Lachmöwen bei Gefahr flüchten können. Auch sind die Wannen mit Kies aufgefüllt, damit sich die Tiere – die im Gegensatz zu anderen Vögeln wenig Nestmaterial herbeischaffen – auf der Unterlage gut getarnt und wohlfühlen.
«Es handelt sich bei den neu ausgewasserten Flossen bereits um die dritte Generation», weiss Lüscher. «Die ersten kamen vor etwa 10 Jahren zum Einsatz. Leider wurde die sie zusammenhaltende Holzkonstruktion rasch vom Wasser zersetzt.» Bei der zweiten Generation seien wider Erwarten die Kanister spröde geworden. «Fünf Flosse gingen so verloren», erinnert er sich. Was neu und bis jetzt erfolgreich im Wasser schwimmt, haben drei Zivildienstleistende bei Pro Natura Thurgau entworfen. «Für mich waren die Flosse eine willkommene Abwechslung zur Entbuschung, die um diese Jahreszeit ansteht», sagt Zivi Mario Haldenstein. Verantwortung übernehmen zu dürfen, habe ihn motiviert – «auch wenn die Kälte manchmal hart war.» Insgesamt zwei Wochen hat der Bau und die Planung in Anspruch genommen. Die Materialkosten belaufen sich auf rund 350 Franken pro Floss.
Dominic Tinner, der ansonsten als Zivi Büroarbeiten für Pro Natura Thurgau erledigt, hat sich der handwerklichen Aufgabe gerne gewidmet. «Mir gefiel es, selbständig arbeiten zu können.» Ein Highlight bildete für ihn die Auswasserung der neuen Brutflosse, die er mit eigenen Drohnenaufnahme festgehalten hat. Ob sich die Lachmöwen mit den Flossen anfreunden können, wird sich schon bald zeigen. Anfangs April pflegen sie erste Erkundungsflüge zu machen und mögliche Brutstätten zu inspizieren. Mitte April beginnt dann das eigentliche Geschäft mit erfahrungsgemäss bis zu 40 Brutpaaren.

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