Mit dem Jura-Hans auf Tauchgang

KREUZLINGEN. Das Kreuzlinger Seemuseum widmet dem 1864 vor Bottighofen gesunkenen Dampfschiff Jura eine Sonderausstellung. Sporttaucher Hans Gerber, der das Wrack in den 70er-Jahren wiederentdeckt hat, berichtete am Freitag über dessen spannende Geschichte.

24. September 2012, 01:39
BARBARA HETTICH

Es ist weder das älteste, das schönste, noch das grösste Dampfschiff, welches vor Bottighofen auf dem Grund des Bodensees liegt. Es gab weder einen Eisberg noch eine herzergreifende Liebesgeschichte. Und dennoch: Hans Gerber konnte sich der Faszination, die von diesem alten Wrack ausgeht, nicht entziehen.

Fasziniert seit den 70er-Jahren

Es begann Mitte der 70er-Jahre: Sporttaucher Hans Gerber machte sich bereit für einen Tauchgang vor Bottighofen, als ihn eine Frau gefragt habe, ob er das gesunkene Dampfschiff suche. Er habe dieser Bemerkung keine grosse Beachtung geschenkt, bis ihn ein Jahr später bei Münsterlingen ein Mann ebenfalls auf ein gesunkenes Schiff ansprach.

Hans Gerber hat intensiv recherchiert bis er mit Hilfe eines Archivars des «Südkuriers» auf die Geschichte des Raddampfers Jura gestossen ist. Gemäss Zeitungsberichten sank sie nach einem Zusammenstoss mit dem Dampfschiff «Stadt Zürich» 1864 vor Bottighofen. Meter um Meter hat Hans Gerber den Seegrund abgesucht, «die Sicht war damals sehr schlecht, es gab noch keine Kanalisationen».

Hans Gerber wurde schliesslich für seine Hartnäckigkeit belohnt. Lebhaft erzählte er am Freitagabend im Seemuseum, wie er eines Tages tatsächlich vor dem Bug des Raddampfers in rund 30 Metern Tiefe stand. Mittels eines Kurzfilmes nahm er die Zuhörer auf einen Tauchgang mit.

Die Schiffsglocke fehlt

Es sei ihm schnell klar geworden, dass er nicht der erste war, der auf das Wrack gestossen war. «Die Schiffsglocke, das Steuerrad und alles was man zu Geld machen konnte, fehlte». Jahre später hat Gerber erfahren, dass die Taucher des Bomber-Schaffners bei der Suche nach abgeschossenen Flugzeugen aus dem zweiten Weltkrieg, bereits 1954 auf das Schiff gestossen waren. «Weil es zu wenig Eisen dran hatte, haben sie es liegen gelassen und alles abgeräumt, was sie verscherbeln konnten», erzählt Gerber. Den Rest oder alles was nicht niet- und nagelfest war, hat Hans Gerber mit Hilfe seiner Tauchkollegen an die Oberfläche geholt. In einer Sonderausstellung im Seemuseum sind einige Stücke – von alten Schuhen bis zum abgeschraubten Schriftzug – zu bewundern.

Zuerst auf dem Neuenburgersee

Die Sonderausstellung ist noch bis Ende Jahr im Seemuseum zu sehen. Konzipiert hat sie Architekt und Städteplaner Ulrich Seitz aus Sipplingen. Bei seinen Recherchen über die «Jura» sei er nach langen Irrwegen im Staatsarchiv in München fündig geworden. Mit amüsanten Anekdoten nahm er seinerseits die Zuhörer mit in die Zeit der Schifffahrt des 19. Jahrhunderts. Gebaut wurde die «Jura» in Neuenburg. Nach einigen Jahren im Einsatz auf dem Neuenburgersee, gelangte sie, verpackt auf 22 Ochsen-Fuhrwerken, an den Vierwaldstättersee. Dort kam sie allerdings nie zum Einsatz und der 46 Meter lange Raddampfer wurde schliesslich an die Lindauer Dampfboot-Gesellschaft verkauft. Mit der Einwilligung des bayrischen Königs Ludwig II. durfte das Schiff weiter unter dem Namen Jura auf dem Bodensee fahren.

Im Februar 1864 war die «Jura» auf dem Weg von Romanshorn nach Konstanz und wurde in dichtem Nebel von der «Stadt Zürich» gerammt. Dabei wurde der Matrose an der Schiffsglocke getötet, die restliche Besatzung und die sieben Passagiere konnten sich auf die «Stadt Zürich» retten. Innerhalb von nur drei Minuten sei die «Jura» gesunken. Die Fracht ging verloren, wertvolle Seidenballen schwammen auf dem See und noch Wochen später seien zur Freude der Fischer Kisten hochgekommen.

Noch andere Schiffe versenkt

Die «Jura» war nicht das einzige Opfer der «Stadt Zürich», erzählte Ulrich Seitz. In einer Zeitung habe man damals geschrieben, dass die «Stadt Zürich» mit seiner hohen Trefferquote im Krieg zwischen Schleswig-Holstein und Dänemark gute Dienste leisten könnte. Die «Stadt Zürich» fuhr, umgebaut zum Salonschiff und umgetauft in «Zürich», jedenfalls noch viele Jahre auf dem Bodensee.


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