Tagblatt Online, 01. Mai 2010 01:05:03
Wie gefährlich ist Milli Görüs?
Eingang der Moschee: Der Trägerverein existiert seit bald zehn Jahren. (Bild: Bild: Hanspeter Schiess)
In Bürglen betreiben Mitglieder der islamischen Glaubensgemeinschaft Milli Görüs eine Moschee. Die Organisation soll zu Gewalt und Radikalismus neigen. Der Religionswissenschafter Samuel M. Behloul relativiert.
markus schoch
bürglen. Die Moschee von Milli Görüs an der Durchgangsstrasse in Bürglen sorgt für Aufregung. Die international vernetzte Islam-Organisation von Türken operiere auch in der Schweiz, schrieb die Zeitung «Sonntag» kürzlich.
Milli Görüs steht in Deutschland unter Beobachtung des Verfassungsschutzes und wird als radikal eingestuft. Vorgeworfen wird der Bewegung, sie verfolge das Ziel einer islamistischen Parallelgesellschaft unter dem Recht der Scharia. Zudem steht die Führung unter Verdacht, Spendengelder veruntreut zu haben.
Die Polizei hat in der Vergangenheit mehrere Razzien in den Büroräumen in Deutschland durchgeführt. Auch in der Schweiz ist Milli Görüs ins Visier der Staatsschützer geraten. Das Bundesamt für Polizei bezeichnet die Bewegung im Sicherheitsbericht 2002 «als eine zu Gewalt und Radikalismus neigende Organisation» (Tagblatt vom 20. April).
Der ehemalige Präsident des Trägervereins der Bürgler Moschee bestreitet den Vorwurf, sie seien Extremisten. Der aktuelle Präsident ist für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Selbst auf die schriftliche Bitte um ein Gespräch reagiert er nicht.
Experten uneins
Wie gefährlich ist Milli Görüs wirklich? Der Religionswissenschafter Samuel M. Behloul, der an der Universität Luzern über Muslime in der Schweiz forscht, will sich kein Urteil anmassen. Selbst die Experten seien sich nicht einig.
Ein grosses Problem sei vor allem, dass die Organisationsstrukturen nicht transparent seien. «Wie gross die Bedrohung von Milli Görüs tatsächlich ist, können letztlich nur der Verfassungsschutz und die Nachrichtendienste beurteilen», sagt Behloul.
Klar sei aber, dass man von den Verhältnissen in Deutschland nicht einfach auf die Schweiz schliessen dürfe.
Dort seien die Türken die grösste Gruppe der Muslime im Land, in der Schweiz seien sie es seit den 1990er-Jahren mit ihren rund 60 Moscheevereinen nicht mehr. «Ihr Einfluss ist zurückgegangen zugunsten der Bosnier und Albaner, die am besten organisiert sind und mit Milli Görüs so gut wie nichts zu tun haben», sagt Behloul.
Ein Sammelbecken
Falsch wäre es gemäss Behloul, im Zusammenhang mit Milli Görüs von einer weltanschaulich geschlossenen Gruppe auszugehen. Die Bewegung habe in den letzten fast 40 Jahren ihres Bestehens einen Entwicklungsprozess durchgemacht und einen Generationenwechsel erlebt. «Milli Görüs ist heute ein Sammelbecken von Interessen und Visionen, die von vielen wahrscheinlich nur noch als Utopie gesehen werden», sagt Behloul.
Gegründet worden ist Milli Görüs vom früheren türkischen Ministerpräsident Necmettin Erbakan als Gegenprogramm zum staatlich kontrollierten Islam in der Türkei. Die ursprüngliche Idee war gemäss Behloul, vor allem die ländliche Bevölkerung aus Ost-Anatolien, die in den Westen emigrierte, stärker an die türkische Kultur und die Religion zu binden, um dadurch eine Anpassung an Sitten und Gebräuche im Gastland zu verhindern.
Jüngere an Dialog interessiert
In der Bürgler Moschee teilt man die Ideen Erbakans. «Wir richten uns unter anderem nach ihm», wird Präsident Metin Filiz im «Sonntag» zitiert. Erbakan wollte die säkularisierte Türkei unter dem Dach von Islam und Nationalismus einen. Behloul will nicht ausschliessen, dass es Extremisten bei Milli Görüs gibt. Wenn die Bewegung in ein schiefes Licht gestellt werde, dürfe man aber nicht vergessen, dass der türkische Staat an einem negativen Image der Bewegung ein Interesse habe. Tatsache sei, dass sich vor allem jüngere Anhänger gerade in Deutschland zur Integration bekennen würden und am Dialog mit Andersdenkenden interessiert seien.
Bekenntnis zur Demokratie
In den Statuten rede Milli Görüs heute ohne Wenn und Aber der Demokratie das Wort und lehne jede Form von Antisemitismus ab, stellt Behloul fest. Nach wie vor sei die Organisation aber durch einen ausgesprochenen Wertkonservatismus und Patriotismus geprägt.
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Kommentare lesen
ResZaugg (03. Mai 2010, 08:20)
Trittbrettfahrer
Für den Islam (inkl. Islamisten) ist die Demokratie eine Eisengbahn. Einmal am Ziel, steigt man aus. Bis dahin darf darf jedes der Islamisierung nützlichen Mittel benutzt werden. Einschliesslich der Lüge. Der Warheit ist der Moslem nur seinen Glaubensbrüder verpflichtet.
Beitrag kommentierenFreidenkender (01. Mai 2010, 17:24)
Milli Görus Gründer Erbakans Aussagen
Interessant sind in diesem Zusammenhang noch gewisse ganz eindeutige Aussagen des Gründers von Milli Görus namens Erbakan: Ihr Europäer müsst ja nicht glauben, dass wir Türken nur nach Europa gekommen sind, um Arbeit zu finden, Allah hat einen ganz anderen Plan.
Beitrag kommentierenUnverbesserliche Gutmenschen und Naivlinge werden solche Verlautbarungen ganz einfach ignorieren. Schlussenlich hat man auch Hitlers Weissagungen in seinem Büchlein "Mein Kampf" lange Zeit ignoriert und erst Ernst genommen, als der Mist in der prophezeiten Form bereits gelaufen war. Die Dummheit und Blödheit der Menschen stirbt eben nie aus.
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