Tagblatt Online, 08. Januar 2009 01:03:05
Grenzen der Religionsfreiheit
Religion und Familie: Das Thurgauer Volksschulgesetz fordert eine Erziehung in der Schule auf christlicher Basis. (Bild: Bild: key/Martin Ruetschi)
WEINFELDEN. Kantonsräte im Thurgauer Grossen Rat machen sich Sorgen um die Verbreitung und Vermittlung von christlichen Werten besonders an den Schulen. Eine Interpellation zum Umgang mit anderen Religionen hat zu einer Grundsatzdebatte geführt.
Stefan Borkert
Andrea Vonlanthen (SVP, Arbon) hat eine gewisse Verunsicherung wegen der hohen Feiertage der verschiedenen Religionen bei Lehrkräften an Thurgauer Schulen ausgemacht. Auch eine tolerante Haltung brauche klare Regeln. Die Broschüre des Departements für Erziehung und Kultur (DEK), die Lehrkräften und Schulleitungen helfen solle, sei zu schwammig und zu allgemein formuliert, kritisierte Vonlanthen. So gebe es keine klaren Aussagen zum Vorgehen bei Dispensationen. Damit hatte Vonlanthen mit seiner Interpellation eine längere Diskussion angestossen.
Beratung an der PH
August Krucker (FDP, Rickenbach) betonte, die Broschüre gebe hilfreiche Hinweise. Er lebe in einer Gemeinde mit 30 Prozent Ausländern. In der Primarschule betrage der Anteil an ausländischen Schülern und Schülerinnen 50 Prozent. Aber man habe trotzdem keine grösseren Probleme.
Ernst Ritzi (GP, Sulgen) betonte, den Lehrkräften stehe eine Anlaufstelle «Schule und Religion» an der Pädagogischen Hochschule zur Verfügung. Der Schule seien Grenzen gesetzt, wenn es um die Religion gehe. Glaubensvermittlung geschehe im kirchlichen Religionsunterricht, der von den Landeskirchen verantwortet und bezahlt werde. Vermittlung von und Wissen über die Religionen sei Sache der Schule.
Aufgabe der Landeskirche hingegen sei die Glaubensvermittlung im konfessionellen Religionsunterricht, der an den Schulen erteilt werde.
Thomas Merz (CVP, Weinfelden) ist überzeugt, dass in der Schweiz die Integration vorankomme. Damit das aber so bleibe, müsse man die tatsächlichen Probleme benennen. Die Regierung tue in ihrer Interpellationsantwort so, als ob kein Problem bestünde. Das DEK habe aber in der Praxis das Thema intensiver bearbeitet. Religionsfreiheit sei zwar wichtig. «Aber unser Verständnis von Gesellschaft, Demokratie und Menschenrechten ist im Einzelfall höher zu werten als die Religionsfreiheit.» Die CVP/GP-Fraktion sei klar für Toleranz. Man dürfe aber die eigene Kultur und Religion nicht vernachlässigen. Die christliche Religion in all ihren Facetten müsse weiterhin Platz in Gesellschaft und Schule haben.
Toleranz von beiden Seiten
Regula Streckeisen (EVP, Egnach) befürwortet ebenfalls Toleranz. Sie will das aber nicht einseitig verstanden wissen, sondern fordert Toleranz auch von den anderen Religionsgemeinschaften. Die Broschüre «Religion und Schule» werde begrüsst. Die Pflege christlicher Traditionen in der Praxis sei aber teils mangelhaft. Im Schulalltag hänge die Umsetzung stark von der einzelnen Lehrperson ab. Daniel Vetterli (SVP, Rheinklingen) ärgerte sich, dass die Regierung keine Zahlen zur Religionszugehörigkeit der Schüler im Thurgau habe. Die Schulgemeinden würden das jedoch erfassen. In unserem Land und Kanton werde Toleranz sehr hoch angesetzt. Tolerant könne aber nur sein, wer eine starke eigene Identität habe. Barbara Kern (SP, Kreuzlingen) betonte, an den Thurgauer Schulen sei kein Platz für Extremismus. Der Staat sei auf Respekt aufgebaut. Das gelte auch für die Schulen.
DEK-Chefin Monika Knill hob den Stellenwert der bislang einzigartigen Beratungsstelle an der PH hervor. Studierende würden bereits in der Ausbildung auf die Bedeutung und die Spannungsfelder der Religionen in der Schule hingeführt. Eltern wüssten oft nicht über die im Volksschulgesetz formulierte christliche Basis der Erziehung Bescheid.
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