Tagblatt Online, 14. November 2008 01:00:41
«Kirchen sollten Streit anfangen»
Der ehemalige deutsche CDU-Politiker und Bestsellerautor Heiner Geissler geht hart ins Gericht mit den Kirchen. Statt zu den entscheidenden gesellschaftspolitischen Fragen Stellung zu nehmen, würden sie auf der Sexualmoral herumreiten.
markus schoch
weinfelden. Die Wissenschaft habe «total versagt». Die neoliberale Theorie sei durch die weltweite Finanzkrise widerlegt worden. Die Kirchen könnten Wege aus der «intellektuellen Gefangenschaft» weisen, doch sie seien «ein glatter Ausfall». Dabei wäre gerade die Auseinandersetzung mit dem Kapitalismus die entscheidende Herausforderung für sie.
Heiner Geissler, der ehemalige deutsche Generalsekretär der CDU (1977 bis 1989) und Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit (1982 bis 1985), redete an der Pastoralkonferenz der katholischen Seelsorger im Thurgau Klartext – und bekam viel Applaus für die Fundamentalkritik an der (katholischen) Kirche und ihrer geistigen Elite. Niedergeschrieben hat er sie bereits vor fünf Jahren in seinem Bestseller «Was würde Jesus heute sagen? Die politische Botschaft des Evangeliums.»
Politische Dimension verdrängt
Eigentlich wäre es die Pflicht der Kirchen, sich überall einzumischen, sagte der 78jährige. Jesus habe seinen Jüngern gepredigt, sie sollten anders denken als die Herrschenden. Dass er von ihnen gefordert habe, Busse zu tun, sei eine absichtliche Falschübersetzung. Die Kirchenführer hätten so die politische Dimension des Evangeliums verdrängt. «Stattdessen hat man alles theologisiert und spiritualisiert», kritisierte Geissler. Heute äussere sich die Kirche vor allem zur Sexualmoral. Die Diskussion darüber blockiere alles andere.
Dabei sei die frohe Botschaft des Evangeliums sehr wohl politisch, wenn man sie denn ernst nehme, stellte Geissler klar. Verkündet werde die unantastbare Würde des Menschen und die Nächstenliebe. Beides werde heute mit Füssen getreten. Der Mensch sei mit der totalen Ökonomisierung der Gesellschaft zu einem blossen Kostenfaktor geworden. «Er wird vom Kapital beherrscht.» Und dieser «Bazillus» habe sich auch in den Köpfen der führenden Theologen festgesetzt, sagte Geissler. Diskriminierung sei an der Tagesordnung. 85jährige beispielsweise bekämen kein künstliches Hüftgelenk mehr.
Mit Mächtigen anlegen
Die Kirchen schwiegen jedoch zu allem, statt aufzubegehren. «Sie müssten bewusst Streit anfangen, die Öffentlichkeit übers Fernsehen suchen und ihren Standpunkt dort zuspitzen, statt wie heute, leise zu treten», forderte Geissler. Auch Jesus habe sich mit allen angelegt, die über Macht verfügt hätten. Und er habe provoziert.
Stark machen müssten sich der Papst und die Bischöfe nach Meinung von Geissler für die Einführung der Börsenumsatzsteuer. Mit dem Erlös von 750 Milliarden Franken könnten die Milleniumsziele der UNO problemlos erfüllt werden. Nötig sei auch eine Weltwirtschaftsordnung mit sozialethischem Fundament.
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