Tagblatt Online, 04. September 2012 07:33:00
Zwischen digital und sozial
«Ich bin glücklich in der Kantonsbibliothek», sagt Bernhard Bertelmann. Seit Anfang August leitet er diese Institution. (Bild: Donato Caspari)
FRAUENFELD. Seit einem Monat amtet Bernhard Bertelmann als neuer Thurgauer Kantonsbibliothekar. Verschliessen will er sich dem Paradigmenwechsel von analog zu digital nicht, weil er weiss, dass es auch in Zukunft Bibliotheken braucht.
MATHIAS FREI
Knapp 200'000 Ausleihen verzeichnete die Kantonsbibliothek im vergangenen Jahr, 50 000 Besucher wurden an Veranstaltungen und im Bibliotheksbetrieb gezählt. 5000 Nutzer zählen zu den Stammkunden der 1805 als reine Verwaltungsbibliothek ins Leben gerufenen «Cantons-Bibliothek». Die Nutzung habe in den letzten Jahren zugenommen und bewege sich auf vergleichsweise hohem Niveau, sagt Bernhard Bertelmann. Seit Anfang August ist er neuer Kantonsbibliothekar und hat damit die Nachfolge von Monika Mosberger angetreten, die sich nach zweieinhalb Jahren Leitung einer neuen Herausforderung stellen wollte.
Physischer Ort wichtig
«In Deutschland hätten Bibliotheken mehr Besucher als Fussballstadien, sagt einem dort die Werbung», erzählt Bertelmann. Er spricht vom hohen Stellenwert des physischen Orts «Bibliothek» und vom sozialen Moment, das Bibliotheken eigen sei. Die Bibliothek als Bildungsort mit dem entsprechenden Auftrag: Es gelte, angenehme Rahmenbedingungen für das Bedürfnis nach Bildung zu schaffen.
Aber dann sagt Bertelmann auch: «Die Bibliothek als Ort bleibt noch lange Zeit bestehen.» Das wage er zu behaupten, auch wenn die Bibliothekslandschaft in einem fundamentalen Wandel begriffen ist, vom analogen Buch zum digitalen Medium.
Auch Thurgau digital
Dieser Entwicklung hat sich die Thurgauer Kantonsbibliothek aber bisher schon nicht verschlossen. Und Bertelmann will die Auseinandersetzung mit dem Digitalen weiter vorantreiben. Aus der 2008 lancierten Digitalen Bibliothek St. Gallen ist 2011 die Digitale Bibliothek Ostschweiz hervorgegangen. Die dibiost-Geschäftsführung liegt bei der St. Galler Kantonsbibliothek, wo Bertelmann als stellvertretender Leiter wirkte. Die Thurgauer Kantonsbibliothek ist Teil von dibiost, neben den Gemeindebibliotheken Kreuzlingen, Amriswil und Weinfelden. Bertelmann hofft, dass bis Ende 2013 alle grösseren Thurgauer Gemeindebibliotheken an diesem Projekt teilhaben. Man kann heraushören, dass Bertelmann in letzter Konsequenz ein grosser Bibliothekskatalog-Verbund vorschwebt, dass man sich ein Buch physisch in Frauenfeld ausleihen oder es sich zum Beispiel aus Basel, Zürich, Bern zuschicken lassen kann. Oder eben als E-Book. Bertelmann ist jedenfalls keiner, der sich diesem Austausch verweigert.
«Sehen und staunen»
Deshalb will er auch den Zettelkatalog der Thurgauer Kantonsbibliothek möglichst bald digital erschliessen. Und die 500jährigen Inkunabeln aus dem Kulturgüterschutzraum würde er auch am liebsten öffentlich zugänglich machen. Bertelmann spricht vom Erlebnis, ein solches Buch anzufassen, die farbenprächtigen Bilder zu betrachten. «Sehen und staunen», wie er sagt.
«Ich bin glücklich in der Kantonsbibliothek», stellt Bertelmann fest. Die Arbeit mit den verschiedenen Nutzergruppen, die seit dem Umbau 2004 zusammentreffen, sieht er als Herausforderung. Gleichwohl: «Die anfangs Jahr im Kanton St. Gallen zustande gekommene Bibliotheks-Initiative beobachten wir mit Interesse.» Denn sie bezwecke eine Stärkung des Bibliothekswesens, insbesondere der Gemeindebibliotheken, was Bertelmann ein Anliegen ist.
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