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Tagblatt Online, 21. Juni 2012 07:49:00

Lehrer wollen nicht aufs Land

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Für Primarschulen und Kindergärten gibt es in der Ostschweiz gerade noch genügend Lehrpersonen – bei den Sekundarschulen aber wird es knapp. (Bild: ky/Dominic Favre)

Vor den Sommerferien läuft die Stellenbesetzung an den Schulen auf Hochtouren. Eine schwierige Aufgabe: Es gibt nicht genügend Lehrer. Der Verband Schulleiter Schweiz schlägt Alarm. In der Ostschweiz ist die Situation nicht ganz so arg.

JEANETTE HERZOG

Mit den Lehrern ist es so eine Sache: Seit einigen Jahren herrscht Lehrermangel, davor herrschte Lehrerüberfluss – Angebot und Nachfrage halten sich kaum je die Waage. Einen «unberechenbaren Zyklus» nennt es Rolf Rimensberger, Leiter Amt für Volksschule des Kantons St. Gallen.

Derzeit sind Lehrer wieder Mangelware. Erst kürzlich hat der Verband Schulleiterinnen und Schulleiter Schweiz Alarm geschlagen: Rund 40 Prozent der offenen Lehrerstellen in den Deutschschweizer Volksschulen hätten noch nicht besetzt werden können. Problemherde gibt es vor allem in Zürich und in der Nordwestschweiz. «In St. Gallen ist die Situation momentan nicht allzu angespannt», sagt Rimensberger. Genaue Zahlen liegen ihm zwar noch nicht vor; er vermutet aber, dass für Kindergärten und Primarschulen genügend neues Personal gefunden werden kann. Aber: «Auf der Oberstufe und im Bereich Heilpädagogik herrscht nach wie vor eher Lehrermangel.» Insgesamt beschäftigt der Kanton 5600 Volksschullehrer. In den nächsten Jahren steht ein Generationenwechsel bevor.

«Ganz wenige Notlösungen»

Dem Kanton Thurgau fällt es dieses Jahr vergleichsweise leicht, die offenen Lehrerstellen zu besetzen. «Wir stehen massiv besser da als im Vorjahr», sagt Walter Berger, Leiter Amt für Volksschule. Auf der Primarstufe gebe es derzeit keine freien Stellen mehr. Zwei Kindergärtnerinnen, ein Oberstufenlehrer und vier Heilpädagogen fehlten noch, bis alle der insgesamt 3500 Stellen besetzt seien. Berger zeigt sich optimistisch; die Situation sei aber auch im Thurgau «keineswegs komfortabel», was sich in der beschränkten Anzahl Bewerber zeige. Auch in Appenzell Ausserrhoden hielt sich die Auswahl für Stellenbesetzungen in Grenzen. Der Leiter des Amtes für Volksschule, Walter Klauser, ist dennoch zufrieden. «Es hat meines Wissens nur ganz wenige Notlösungen gegeben.» Im Moment seien im Pool der 650 Lehrerstellen ganz wenige vakant: eine Handvoll Teilzeitstellen. Besonders schwierig sei es, Lehrpersonen für Mathematik oder Naturwissenschaften für die Sekundarstufe I oder Heilpädagogen zu finden.

Dass insbesondere junge Lehrer lieber in Stadtnähe arbeiten als auf dem Land, beobachten die drei Amtsleiter durchs Band. In Ausserrhoden sei Teufen einfacher zu besetzen als Reute oder Gais, im Thurgau die Seeregion einfacher als der Seerücken oder das Hügelland und in St. Gallen die Hauptstadt einfacher als das Toggenburg. Einzig das kleine Appenzell Innerrhoden kennt das Problem nicht. Dort sind derzeit alle Stellen besetzt. Die Anzahl der Bewerber sei gering, weshalb potenzielle Kandidaten direkt angesprochen würden, sagt Norbert Senn, Leiter Amt für Volksschule.

Thurgau plant Lohnerhöhung

Sind die Vakanzen erst einmal besetzt, gilt es, die Lehrpersonen zu halten. Gerade im Thurgau ist man besorgt, Zürich oder die Nordwestschweiz könnten die Leute abwerben. «Wir sind deshalb bemüht, möglichst gute Arbeitsbedingungen zu schaffen», sagt Walter Berger. Insbesondere den Lohn für die mittleren Dienstjahre will er nach oben korrigieren, weil der Thurgau da nicht mit Zürich oder St. Gallen mithalten könne. Das Ziel sei, als Arbeitgeber attraktiver zu werden und die Fluktuation zu verringern. Ein entsprechender Antrag liege der Regierung bereits vor.

Die Wahrscheinlichkeit, dass bald eine Phase des Lehrerüberflusses eintritt, ist gering. Die Lage der Privatwirtschaft sei ein Indikator dafür, sagt Rolf Rimensberger. Herrsche wie aktuell ein Mangel an qualifiziertem Fachpersonal, würden weniger Maturanden die Lehrerausbildung antreten. Gebe es hingegen genügend Fachkräfte auf dem Arbeitsmarkt, steige die Attraktivität einer Anstellung bei der öffentlichen Hand.

Trotz aller Prognosen, die sich bei der Lehrerfrage laut Rimensberger sowieso stets als falsch erweisen: «Den Entscheid zum Lehrerberuf können wir nicht steuern – sonst hätten wir das längst getan.» So spiegle der Lehrermangel auch kein Versäumnis der Pädagogischen Hochschule St. Gallen. «Die PHSG hat ihre Hausaufgaben gemacht.» Von Jahr zu Jahr melden sich dort und auch an der Pädagogischen Hochschule Thurgau mehr Studierende an.




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